Leipziger Tierärztekongress 2018: Im Auge des Orkans

Erneute Steigerung: Leipzig 2018 meldet trotz Sturmtief Friederike mit 5.400 Teilnehmern und 241 Ausstellern eine Rekordbeteiligung. (Foto: ©WiSiTiA/hh)

Auf dem Hinweg Orkan, auf dem Rückweg Schneesturm. Mancher Teilnehmer des 9. Leipziger Tierärztekongresses blieb im wahrsten Sinne „auf der Strecke“. Doch der Besuch hat den Weg gelohnt: Tolle Themen, eine Fülle Ideen, reger Austausch und ein neuer Besucher-Rekord. Ein erster Eindruck vom größten Kongress der Veterinärmedizin in Deutschland.

Ein erstes Résumé von Henrik Hofmann

Am Donnerstag sah die Welt düster aus: Bäume und umgekippte LKWs auf den Autobahnen, abgesagter Fernverkehr auf den Schienen. Etliche Aussendienstler strandeten nachts auf verlassenen Bahnhöfen, Kollegen landeten statt um 19 Uhr erst um 24.00 Uhr auf ersten Veranstaltungen, andere gaben auf und erreichten Leipzig nicht. Dennoch waren schon am Donnerstag viele Säle bis auf den letzten Platz gefüllt.

Rekordbesuch: 5.400 Teilnehmer

Durch Orkan und Stau: Der Weg zum Leipziger Tierärztekongress eine (lohnende) Herausforderung. (Foto: © WiSiTiA/hh)

Insgesamt 5.400 Teilnehmer meldet der 9. Leipziger Tierärztekongress und darf sich damit zu Recht weiterhin als die „wichtigste Fortbildungsveranstaltung im deutschsprachigen Raum“ bezeichnen: Waren der Einladung 2014 noch 4.400 Besucher gefolgt, verbuchten die Leipziger bei der letzten Veranstaltung 5.000 Veterinärmediziner, Tiermedizinische Fachangestellte und Studenten. Und nun stolze 5.400 Teilnehmer!

Neben Praktikern, TFAs und Industrievertretern waren etliche Amtstierärzte da und hörten und diskutierten zu Themen aus Praxis, Tierschutz, Berufspolitik, Zukunft, feierten – und und und. Dass viele Honoratioren der Verbände fehlten, nahmen einige Teilnehmer eher mit Humor zur Kenntnis: „Die müssen sich wohl auf der Grünen Woche mit Händeschütteln bei den Politikern verausgaben …!“ In Berlin wurde allerdings parallel eine erste Entscheidung über die Verschärfung der Tierärztlichen Hausapothekenverordnung gefällt (Kurzinfo hierBericht hier).
Pferdepraktiker posteten in sozialen Medien live über die „Klagefreudigkeit der Pferdebesitzer“, andere über ihre An- und Abreise, wieder andere über Fachgebiete, die sie bewegen oder die legendäre Party in der Moritz-Bastei.

Voll war’s: Jeder verfügbare Raum im Congresscentrum Leipzig wurde genutzt (Foto: Martin Klindtworth / Leipziger Tierärztekongress)

Was uns „umtreibt“

Am Rande all der fachlichen Themen blieb Raum, um Visionen und Meinungen zu diskutieren. Zu den essentiell wichtigen Themen des Berufsstandes zählen gegenwärtig die vorrückende Afrikanische Schweinepest und die mit heisser Nadel gestrickte Novellierung der Tierärztlichen Hausapothekenverordnung, die zu gravierenden Einschnitten führen können. Und selbst hartgesottene Großtierpraktiker diskutierten auf den Gängen, dass eine Reflektion des Tierwohls sowohl in Nutztier- als auch Kleintierpraxis Not tut. „Wir diskutieren viel zu viel vom Standpunkt der Wirtschaftlichkeit!“ Vor allem auch Referenten und Berufspolitiker aber auch die Praktiker müssten sich die Frage stellen: Dienen komplexe (Krebs)Therapien in der Kleintiermedizin wirklich dem Tierwohl? Sind Kastenstand und Anbindenhaltung überhaupt diskutabel? Aber auch die Erkenntnis, dass (geschätzt) erst 40 Prozent der Kollegen die neue GOT umsetzen. Die Folge: Zu wenig Umsatz und Gewinn bei zu langen Arbeitszeiten; zu geringe Gehälter für Berufseinsteiger; immer mehr Praxen und Kliniken verabschieden sich aus dem Notdienst. Die Auftaktveranstaltung thematisierte und diskutierte über knapp drei Stunden Lust, Frust und Perspektiven des Berufstandes, vor allem aus der Sicht des Nachwuchs – aber ohne die Lösung anbieten zu können.

Wer hat ein Herz für Tierärzte? Die Auftaktveranstaltung in Leipzig thematisiert die (Nachwuchs)Sorgen in Praxis und Hochschule. (Foto: © Tom Schulze / Leipziger Tierärztekongress)

Überquellende Vortragssäle

Völlig „aus dem Häuschen“ waren die Heimtiermediziner. Bis auf den letzten Stehplatz waren die Vorträge zu Meerschweinchen, Kaninchen & Co. ausgebucht. Die Referenten reihten das Niveau der Behandlungen explizit auf dem Niveau von Hund und Katze ein. Beeindruckt waren die Kollegen von den Beiträgen zur Neurologie. Spannend internationale Vorträge zu Chirurgie und im wahrsten Sinne erhellend die hervorragenden Präsentationen zu Bildgebung und Internistik.

(Über)Voll besetzte Vortragssäle, sowohl bei Klein-, als auch Nutztier und Pferdevorträgen – zum Teil mit Audio- und Bildschirmübertragung in die Vorräume. (Foto: © Martin Klindtworth / Leipziger Tierärztekongress)

vetexpo: „Eigentlich reicht das für’s Jahr“

Ausstellungsfläche noch einmal vergrößert und ausgebucht. (Foto: © Martin Klindtworth / Leipziger Tierärztekongress)

Auf einer ausgebuchten Fläche präsentierten 241 Aussteller aus 16 Ländern (2016: 210 aus 12 Ländern) ihre Produkte und Dienstleistungen rund um Arzneimittel, Medizintechnik, Tierernährung, Beratung oder moderne Praxiseinrichtung. Von der diesjährigen Veranstaltung zeigten sich die Firmen begeistert. Einer der Firmenchefs formulierte es so: „Dass die Kongresslandschaft so zusammengeschrumpft ist, ist schade. Es wurden und werden viele Chancen vertan – aber zu diesem Kongress wird es keine Alternative mehr geben.“

„Zum Glück gibt’s was zu Essen!“ Die Verpflegung durch die Industrie wurde dankbar angenommen. (Foto: WiSiTiA/hh)

„Die Ausstellung in Leipzig gehört für unser Unternehmen zu den wichtigsten Events, da ist immer viel los“, resümierte IDEXX. „Neben vielen Kleintierärzten sind genauso unsere Großkunden angereist.“ Dr. Thilo Rubert und Alexander Lichau von B. Braun Vet Care erklären: „Die Qualität der Gespräche war sehr gut, die Themen waren die richtigen – die vetexpo war für uns ein Erfolg. In Leipzig haben wir wieder unsere Kunden und Geschäftspartner aus ganz Deutschland getroffen, aber auch neue Kunden konnten wir für unsere Produkte und Konzepte begeistern.“

Auch die Versorgung mit Kaffee, Mittagessen und „Gehirnnahrung“ durch die Industrie wurde dankbar angenommen. Praktiker, die internationale Kongresse besuchen, waren glücklich: „Im Ausland wandelt man mit knurrendem Magen durch die Industrie und sucht irgendwie vergeblich nach Anknüpfungspunkten – bis man sich fragt, was man da eigentlich soll. Doch hier passt alles!“
Wem das alles nicht reichte, konnte noch die Partner-Pferd besuchen. Parallel zum Tierärztekongress treffen sich auch Reiter zur Messe, bei der die Reitsportbegeisterten auf ihre Kosten kommen.

wir-sind-tierarzt wird in weiteren Beiträgen über die vielfältigen Themen berichten. So viel vorab: Die Dynamik, die unseren Berufsstand umtreibt, begeisterte Veranstalter und Teilnehmer!

Zahlen: Pressemeldung Leipziger Tierärztekongress
Alle Pressemeldungen zum Kongress finden Sie hier
Fotos von Kongress finden Sie hier

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Über den Autor

Dr. Henrik Hofmann

Dr. Henrik Hofmann (hh) betreibt seit 1995 eine eigene Tierarztpraxis in Butzbach. Er ist Fachtierarzt für Allgemeine Veterinärmedizin und hat die Zusatzbezeichnung Akupunktur. (www.tierundleben.de) Als Autor und Redakteur hat Hofmann in etlichen Zeitschriften und Zeitungen rund ums Tier geschrieben. Bei wir-sind-tierarzt.de betreut er schwerpunktmäßig Medizinthemen, den Bereich Praxismanagement und die Rubrik Mensch-Tierarzt. Außerdem steuert er die SocialMedia-Aktivitäten und leitet die Bildredaktion. Zuletzt ist sein Buch „Tieren beim Sterben helfen – Euthanasie in der Tierarztpraxis“ erschienen. Kontakt: henrik.hofmann(at)wir-sind-tierarzt.de
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