Ferkelkastration: offener Brief der BTK an die Landwirtschaftsministerin

Ortsermin Ferkelkastration: Wenn Narkose, dann mit Isofluran. (Foto: © WiSiTiA/jh)

Je näher das offizielle Ende der betäubungslosen Ferkelkastration rückt, desto nachdrücklicher versuchen  alle beteiligten Interessengruppen, ihre Standpunkte den politischen Entscheidungsträgern zu vermitteln, denn noch ist nicht rechtskräftig über eine weitere Übergangsfrist abgestimmt worden.

 

Die Bundestierärztekammer hat sich in einem offenen Brief an Bundeslandwirtschafts-ministerin Julia Klöckner gewendet. Die Tierärzte beziehen sich dabei auf die Einschätzung des Humanmediziners Prof. Dr. Helmut Friess, Leiter der Chirurgie am Klinikum Rechts der Isar in München. Prof. Friess hatte an einer Veranstaltung zur Vorstellung des sogenannten “4.Wegs” bei der Ferkelkastration am 17.9.2018 in München teilgenommen und laut topagrar Folgendes gesagt: “Die Lokalanästhesie ist einfach, effizient, sicher und nahezu nebenwirkungsfrei. Aus der Humanmedizin lassen sich ganz klare und eindeutige Argumente für einen Einsatz der Lokalanästhesie als überaus effektives Verfahren zur kompletten Schmerzausschaltung auch bei der Ferkelkastration ableiten.

 

Offener Brief der BTK im Wortlaut:

 

Ferkelkastration; Ausführungen von Prof. Dr. Helmut Friess zur Lokalanästhesie

Sehr geehrte Frau Bundesministerin Klöckner,

aus der Agrarpresse entnehme ich den Wortlaut eines offenen Briefes, den der Humanmediziner Prof. Dr. Friess an Sie gerichtet hat, mit dem Ziel, die Anwendung der Lokalanästhesie bei der Kastration männlicher Ferkel zu befördern. Die in diesem Brief getätigten Aussagen können wir als Tierärzteschaft so nicht unkommentiert stehen lassen. Die Ausführungen von Prof. Dr. Friess zum Verfahren der Lokalanästhesie sind im allgemeinen Kontext natürlich richtig. Auch in der Veterinärmedizin wird die Lokalanästhesie aufgrund der genannten Vorteile routinemäßig in großem Umfang angewandt. Allerdings sind die Bedingungen bei der Kastration von unter acht Tage alten Ferkeln nicht annähernd mit einem entsprechenden Eingriff im Rahmen einer humanmedizinischen Behandlung vergleichbar. In der Human- wie in der Veterinärmedizin sind für eine solche Behandlung bestimmte Rahmenbedingungen sicherzustellen:

  • Anwendung an Einzelpatienten, die aus Vertrauen in den Therapeuten die Maßnahme ruhig über sich ergehen lassen, oder die entsprechend durch Medikamente ruhiggestellt (sediert) wurden;
  • Anwendung ohne Zeitdruck;
  • Anwendung unter Beachtung des Zeitfensters bis zum Wirkungseintritt (10 bis 30 Minuten nach der Injektion);
  • Anwendung in entsprechend eingerichteten Räumen, zumindest unter antiseptischen Bedingungen
  • Anwendung unter Verwendung entsprechenden Einmalmaterials, wie Spritzen und Kanülen, um die vorgeschriebene Aspiration zur Verhinderung der versehentlichen und unter Umständen lebensgefährlichen Injektion in Blutgefäße durchführen zu können;
  • Anwendung eines für diese Indikation zugelassenen Lokalanästhetikum.

Die bei der von interessierter Seite aus ökonomischen Gründen vorgeschlagenen Lokalanästhesie zur Ferkelkastration vorhandenen Rahmenbedingungen stellen sich völlig anders dar. Hier sprechen wir von einer serienmäßigen Anwendung an einer unmittelbar aufeinander folgenden großen Anzahl von Tieren, die schreien und sich wehren, in sehr kurzer Zeit. Um dieses leisten zu können, wird u. a. die Verwendung von Automatikspritzen propagiert, die eine Aspiration zur Verhinderung der unter Umständen lebensgefährlichen Injektion in Blutgefäße nicht ermöglichen. Darüber hinaus ist aufgrund der Arbeitsabläufe (Kastration wurfweise, d.h. je 7 bis 10 männliche Ferkel werden gefangen und gemeinsam behandelt) zumindest in Frage zu stellen, ob in jedem Fall ein sorgsames Warten auf den Wirkungseintritt gewährleistet werden kann. Insbesondere fehlt bisher der wissenschaftliche Nachweis für eine wirksame Schmerzausschaltung bei der Ferkelkastration unter Lokalanästhesie. Von Erfahrungen mit Eingriffen unter Lokalanästhesie beim Menschen Rückschlüsse auf das Schmerzempfinden von Saugferkeln zu ziehen, greift zu kurz und kann keinesfalls unserem wissenschaftlichen Anspruch genügen. Bevor die Methode der Lokalanästhesie für die Ferkelkastration in Betracht gezogen werden kann, müssen noch entscheidende Fragen wissenschaftlich fundiert beantwortet werden. Dringend erforderlich sind weitere Untersuchungen, um geeignete Wirkstoffe, deren lokale Verteilung und Wirkdauer, die optimale Lokalisation für eine schmerzfreie Applikation sowie Methoden zur objektiven Evaluation der Schmerzfreiheit zu entwickeln. Hier können die bisherigen Ergebnisse nicht überzeugen. Unabhängig davon ist in Anbetracht der Notwendigkeit, die richtigen anatomischen Strukturen in korrekter und ausreichender Weise zu anästhesieren, um eine Schmerzausschaltung zu erzielen, und des Risikos systemischer Nebenwirkungen bei Fehlapplikationen, eine hohe fachliche Qualifikation des Anwenders eine unabdingbare Voraussetzung. Sehr geehrte Frau Bundesministerin, sollten Sie weiteren Informationsbedarf haben, stehen Ihnen die Expertinnen und Experten der Tierärzteschaft selbstverständlich zur Verfügung. Wir Tierärztinnen und Tierärzte sind über den aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstand bzgl. der Saugferkelkastration unter Lokalanästhesie informiert und können die tatsächlichen tierschutzrelevanten Probleme, die bei der vorgeschlagenen Methode auftreten können, realistisch einschätzen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Uwe Tiedemann

 

Ende des offenen Briefs

Quellen direkt im Text verlinkt

Teilen
Über den Autor

Redaktion wir-sind-tierarzt.de

Unter dem Autorennamen "Redaktion wir-sind-tierarzt.de" veröffentlichen wir überwiegend kurze/aktuelle Nachrichten, die im Redaktionsalltag entstehen. Ein Namenskürzel am Textanfang weist ggf. näher auf den zuständigen Redakteur hin: jh – Jörg Held / hh - Henrik Hofmann / aw – Annegret Wagner Kontakt zur Redaktion: zentrale(at)wir-sind-tierarzt.de
Web Design MymensinghPremium WordPress ThemesWeb Development

Wildtiere: Hilfe kann auch Leid bedeuten

9. März 20169. März 2016
Ein Faltblatt gibt Tipps zum Umgang mit Wildtieren. (©Landestierschutzbeauftragte Hessen / Erni/Fotolia.com)„Wildtiere brauchen in den aller seltensten Fällen menschliche Hilfe," sagt die Landestierschutzbeauftragte Hessen. Was tun kann, wer ein Wildtier findet – oder aber auch besser lassen sollte – erklärt ein Flyer, den Dr. Madeleine Martin zusammen mit der Landestierärztekammer Hessen herausgegeben hat. (mehr …)