Antibiotikaverkäufe für landwirtschaftliche Nutztiere in der EU weiter rückläufig

Verkäufe von Antibiotika für lebensmittel-liefernde Tiere in den EU-Mitgliedsstaaten, aus dem 8. Jahresbericht der EMA

Die europaweiten Verkaufszahlen für Antibiotika in der Tiermedizin sind zwischen 2011 und 2016 um rund 20 Prozent zurückgegangen. Dies geht aus dem neuesten Bericht der European Medicines Agency (EMA) hervor, der am 15.10. 2018 veröffentlicht wurde.

Diesen positiven Rückgang führt die Behörde auf die europäischen Richtlinien und länderspezifische Programme zum verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika zurück. Ziel soll es sein, das Entstehen von Antibiotikaresistenzen durch geringeren Kontakt von Mikroorganismen mit den entsprechenden Wirkstoffen zu verlangsamen und dadurch die Wirksamkeit von Antibiotika in der Humanmedizin nicht zu gefährden. Besonders günstig auf die Zahlen hat sich der drastische Rückgang des deutschen Verbrauchs von 1039,5 Tonnen im Beobachtungszeitraum (2011 bis 2016) ausgewirkt.

Gemischtes Bild bei den Verbräuchen der letzten beiden Jahre

Während in den meisten Mitgliedstaaten die Verkäufe antibiotisch wirksamer Medikamente von 2015 auf 2016 weiter gesunken sind, gibt es andere, in denen es teils massive Anstiege gegeben hat. Mittlerweile sind die Verbrauchszahlen besser vergleichbar, da die EMA mit Population Correction Units arbeitet. Dies bedeutet, dass die Tierbestände jedes Landes im Hinblick auf ihr Gesamtgewicht geschätzt werden und dann die Verkaufsmengen durch diesen Faktor geteilt werden, um eine Einordnung der pro Einheit (= Unit) verabreichten Wirkstoffe zu bekommen. Die Tabelle zeigt, dass Deutschland das höchste Tiergewicht (landwirtschaftliche Nutztiere und Pferde) in ganz Europa aufweist (8.690.000 Tonnen), gefolgt von Spanien (7.532.000 Tonnen) und Frankreich (7.147.000 Tonnen). Diese Korrekturgröße ist nötig um die erheblichen Mengenunterschiede im Antibiotikaverkauf der einzelnen Staaten in eine vernünftige Relation zueinander zu setzen. Deutschland belegt in 2016 bei den absoluten Verkaufszahlen mit 779,2 Tonnen immer noch den dritten Platz hinter Spanien (2.724 Tonnen) und Italien (1.213 Tonnen), bricht man diesen Wert aber auf mg/PCU herunter, also die Menge an Wirkstoff pro Gewichtseinheit, dann befinden wir uns auf dem 9. Platz im europaweiten Vergleich. “Sorgenkind” in Sachen Antibiotikaverbrauch ist nach wie vor Zypern. Dort ist der Verbrauch seit 2011 sogar deutlich gestiegen, nämlich von 407,6 mg/PCU auf 453,4 mg/PCU in 2016. Norwegen, das von Anfang an niedrige Verkaufszahlen hatte, kommt in 2016  lediglich auf 2,9 mg/PCU, gefolgt von Island mit 4,7 mg/PCU. Länder mit vielen Schweinen oder Geflügel verbrauchen auch viele Antibiotika, denn in Norwegen oder auch Island, wird vor allem Injektionsware angewendet. Diese Applikationsart ist bei Geflügel nicht möglich und bei Läufern und Mastschweinen eher unüblich.

Verkäufe von aktiven antibiotischen Wirkstoffen in der Tiermedizin für lebensmittelliefernde Tiere (incl.Pferde), in Tonnen und Population Correction Unit (PCU) und Verkäufe in mg/PCU nach Ländern in 2015 und 2016, aus dem 8.Jahresbericht der EMA

 

Verkaufsrückgang bei den kritischen Antibiotika

Die EMA betont, dass es auch bei den kritischen Antibiotika einen deutlichen Rückgang gegeben habe. So nahm der Verkauf von Cephalosporinen der 3. und 4. Generation gegenüber 2011 um 15,4 Prozent ab und der der Chinolone um 13,6 Prozent. Am größten war jedoch die Differenz der Verkäufe von Polymyxinen mit rund 40 Prozent. Zu den Polymyxinen gehört unter anderem Colistin, das in der Humanmedizin trotz seiner zahlreichen Nebenwirkungen wieder als wertvoll eingestuft wird und dessen Anwendung in der Tiermedizin  von den Humankollegen nicht gern gesehen wird. Prof. Dr. Florian Thalhammer, Infektiologe aus Wien, deklarierte bereits 2017 anlässlich der Bayrischen Tierärztetage, dass Colistin allein der Humanmedizin gehören müsse.

 

Europaweiter Verbrauch von kritischen Antibiotika in den letzten sechs Jahren, Auszug aus dem 8. Jahresbericht der EMA

 

Für Deutschland ergibt sich insgesamt ein erfreuliches Bild im Bezug auf kritische Antibiotika: die Cephalosporine der 3. und 4. Generation werden nach wie vor sparsam eingesetzt, bei den Fluorchinolonen gibt es nach einem zwischenzeitlich Anstieg wieder einen Rückgang und selbst beim immer noch häufig eingesetzten Colistin haben sich die Mengen fast halbiert.

 

Verbrauch kritischer Antibiotika in der Tiermedizin in Deutschland in den letzten sechs Jahren, Auszug aus dem 8. Jahresbericht der EMA

 

Mittlerweile reichen 30 Länder ihre Antibiotikaverkäufe aus der Tiermedzin bei der EMA ein, darunter neben den EU-Mitgliedstaaten auch die Schweiz, Norwegen und Island. Während die meisten Länder im Zeitraum der letzten sechs Jahre die Antibiotikaverkäufe deutlich reduzieren konnten, kam es in einigen Ländern zu Anstiegen. Zwischen 2011 und 2016 sank in 16 der 25 Länder der Verkauf um über fünf Prozent, während er in sechs Ländern um über fünf Prozent zugenommen hat. Deutschland gelang dabei die höchste absolute und prozentuale Reduktion mit 1039,5 Tonnen (2011: 1818,7 t, 2016: 779,2 t) oder -57 Prozent. Die zweihöchste Abnahme verzeichneten die Niederlande (von 362,5 Tonnen auf 181,7 Tonnen  = – 50 Prozent) gefolgt von Frankreich mit einem Rückgang von 890,3 Tonnen im Jahr 2011 auf 513,9 Tonnen in 2016 ( – 42 Prozent). Während in Deutschland die Verkäufe bis 2016 kontinuierlich gesunken sind, wechselten sich in manchen Ländern Anstiege und Rückgänge ab. Höhere Verkaufsmengen als in 2011 wiesen acht Staaten aus: Bulgarien, Irland, Norwegen, Polen, Portugal, Ungarn, die Slovakei und Spanien.

Alles in allem versuchen die meisten EU-Länder ihre Antibiotikaverkäufe für landwirtschaftliche Nutztiere zu senken. Den 25 Staaten, die seit 2011 ihre Daten an die EMA liefern, ist es gelungen, innerhalb von fünf Jahren 1783,3 Tonnen an antimikrobiellen Wirkstoffen in der Nutztierhaltung einzusparen.

 

Quellen direkt im Text verlinkt

EMA: Sales of antimicrobial agents in 30 European countries in 2016/ Trends from 2010 to 2016, Eighth ESVAC report

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