Ist die kurzlebige “Turbo-Kuh” nur ein Phantom?

(Foto: © WiSiTiA / aw)

Die Debatte um die hochleistende “Turbo-Kuh”, die immer mehr Milch gibt, aber dafür immer kürzer lebt, geht weiter. Sie sei ein “Phantom”, betont aktuell die Züchterseite mit Blick auf eine statistisch längere Nutzungsdauer. Warum sehen Kuhschlachtkörper immer „ausgemergelter“ aus, fragen andere? Es gibt womöglich auch genetische Zusammenhänge mit der Mortalität, sagen US-Forscher. wir-sind-tierarzt-Autorin Annegret Wagner hat eine Meinung zur Debatte.

Ein Meinungsbeitrag von Annegret Wagner

“Es gibt keine negative Korrelation zwischen der Nutzungsdauer und der Milchleistung. Mit anderen Worten: Die Turbo-Kuh ist ein Phantom.” Dr. Stefan Rensing (Vereinigte Informationssysteme Tierhaltung w.V. / vit) bezieht in einem Interview (Volltext hier) mit der Webseite agrar-blogger.de klar Position. Die tatsächliche Nutzungsdauer von Milchkühen nehme entgegen der öffentlichen Wahrnehmung zu. Das zeigten die statistischen Daten der vit.
Doch Statistiken haben ihre Tücken, finde ich (worüber wir-sind-tierarzt.de hier schon früher berichtet hat).

Die “Turbo-Kuh” und der gesellschaftliche Druck

In gesellschaftlichen Debatten geht es immer auch um die Wortwahl. So steht „Turbo” umgangssprachlich schlicht für mehr und besonders schnell abrufbare Leistung – unabhängig von der Lebenserwartung einer Maschine oder eines Vorgangs. Bei Tieren hat das Ganze einen negativen emotionalen Beigeschmack.
Betrachtet man die reine Milchleistung, so ist diese seit 1950 ganz erheblich gestiegen – von 3.900 auf heute über 9.500 Liter im Jahresdurchschnitt(!) einiger Bundesländer. Was die Leistungskomponente angeht, kann man also durchaus auch objektiv von “Turbo” –  oder moderater – “hochleistenden” Kühen sprechen.
In Fachkreisen wird nun darüber gestritten, ob diese hochgezüchtete Leistungsfähigkeit selbst schon für die Tiere gesundheitsgefährdend ist oder das (schlechte) Management dieser Kühe der eigentlich weit wichtigere Faktor für deren Lebensqualität und Nutzungszeit sei?

Ein neuer Hinweis kommt aus den USA. Untersuchungen sehen einen genetischen Zusammenhang. Shogo Tsuruta und seine Kollegen von der University of Georgia (USA) haben herausgefunden, dass es auf dem Autosom 14 von Bos taurus einen Abschnitt gibt, der sowohl für Milchleistung (4 %) als auch Mortalität (2,5%) zuständig ist. Die Wissenschaftler sagen bisher noch nicht klar, dass Milchleistung und Mortalität positiv korrelieren, also mit höherer Milchleistung die Mortalität steigt. Aber sie hegen die Vermutung, dass zumindest eine gewisse Beziehung besteht.

Ökonomie der Zuchtziele

Brisant ist die Debatte auch, weil es immer um die Wirtschaftlichkeit des Lebewesens Kuh geht – und die unterschiedlichen Arten, diese zu bewerten. Für Rensing ist klar: “Es gibt für Zuchtziele nur zwei Maßstäbe: ökonomische Vorgaben und gesetzliche Regelungen. Entscheidend für die Gewichtung im Zuchtziel ist das Verhältnis der Grenzgewinne bei züchterischer Verbesserung der verschiedenen Merkmale unter durchschnittlichen Betriebsbedingungen.”
Dr. Rensing unterscheidet dabei zwischen Zuchtzielen, die für die “Einnahmeseite” wichtig sind und anderen, die auf der “Ausgabenseite” stehen. Beide würden für “Holstein-Friesian”-Kühe gleichwertig im Zuchtziel berücksichtigt.

Pralle Euter – hohe Milchleistung ist das wichtigste Zuchtziel, denn nur der Milchverkauf sorgt für Einnahmen. Stimmt das so? (Foto: © Valyxyz/pixabay)

  • Auf der “Einnahmenseite” steht mit stolzen 45 Prozent des Zuchtwertes die Milchleistung. Das ist in sofern korrekt, als der Landwirt primär für die gelieferte Milch bezahlt wird, also mit ihr “Einnahmen” erzielt.
  • Die “Ausgabenseite” betrifft die funktionalen, sprich Gesundheits-Merkmale. Sie machen im Zuchtwert zusammen ebenfalls 40 Prozent aus, aufgeteilt auf die Nutzungsdauer mit 20 Prozent und  Fruchtbarkeit 10 Prozent, die Eutergesundheit ist mit 7, der Kalbeverlauf mit 3 Prozent gewichtet. Auch das kann man so formulieren, denn kranke Tiere verursachen (Ausfall- und Behandlungs)Kosten, also Ausgaben.
    Die übrigen 15 Prozent entfallen auf den funktionalen Teil des Exterieurs: Beine und Euter.

Ich halte es sprachlich aber für bedenklich, die Tiergesundheit mit “Ausgaben”, also negativ zu assoziieren. Letztlich sind gesunde Tiere entscheidend für die Einnahmen, denn nur sie können Leistung bringen – es sei denn sie werden “verheizt”.
Gesundheitsrelevante Parameter fließen dennoch nur mit vergleichsweise niedrigen Prozentzahlen (siehe oben) ein: 3 Prozent für den Geburtsverlauf? Wo der doch für einen optimalen Start der Kuh in eine gesunde Laktation von entscheidender Bedeutung ist? Aus meiner tierärztlichen Sicht ist die Gewichtung ein sehr fragliches Modell.

Die Tücken der Statistik

Weitere Tücken einer Nutzungsdauerstatistik sind Sachverhalte, die nicht erfasst werden oder gar nicht erfassbar sind. Wenn die Nutzungsdauer in den letzten Jahren nicht gesunken ist, bleibt die Frage: Welche Abschläge beim Tierwohl und der Tiergesundheit musste man womöglich dafür machen?
Dass es da ein Unbehagen gibt, zeigt die nach wie vor laufende Debatte, die gleich zwei aktuelle Tagungen aufgreifen: Die DLG-Unternehmertage im September sehen die “Zuchtziele der Milchviehhaltung auf dem Prüfstand”; in einer Pressemeldung zur Rindertagung Uslar 2.0. im Oktober fragt die Agrar-und Veterinär-Akademie (AVA) , “sind unsere modernen Milchkühe den hohen Anforderungen noch gewachsen? Sehen die Kuhschlachtkörper immer „ausgemergelter“ aus? Gibt es zu viele leistungsbedingte Abgänge? Gibt es zu viele Stoffwechselprobleme im Stall?”

Zwei Beispiele für mein Unbehagen angesichts der Nutzungsdauerstatistik:
Es gibt meines Wissen nach keine Untersuchungen darüber, ob Kühe früher bei Lahmheiten eher geschlachtet wurden als heutzutage. Im Praxisalltag erleben wir Tierärzte, dass viele Landwirte (darüber gibt es Studien) eher bereit sind, Lahmheiten bis zu einem gewissen Grad als normal hinzunehmen – und nicht als schmerzhaften Zustand für das Tier. Leben diese Kühe also deshalb länger?

Ähnliches gilt für die Fruchtbarkeit: Bleiben heute Kühe, die an Fruchtbarkeitsproblemen leiden und nicht wieder trächtig werden, womöglich deutlich länger im Betrieb als früher, weil es später “auffällt”? Die Devise „jedes Jahr ein Kalb“ jedenfalls scheint beim heutigen Milchleistungsniveau überholt. Dies auch, weil jede neue Kalbung zu den risikoreichsten Punkten im Leben einer Kuh gehört. Das erklärt auch Dr. Rensing so.
Für die Tiere ist es also zunächst positiv, dass der Zeitpunkt für eine erneute Besamung generell später angesetzt wird. Der Grund liegt aber schlicht in der gesteigerten Milchleistung: Die “Turbo-Kühe” sind in der Lage, weit über die angenommenen 305 Tage hohe Milchmengen zu produzieren. Nicht trächtige Kühe werden erst bei stark nachlassender Leistung geschlachtet, bei generell hohen Leistungen also später als bei ehemals niedrigeren Milchmengen.

Mein Eindruck ist: Bei ihrer Entscheidung, wann und warum eine Kuh zum Schlachter geht, richten sich Landwirte heute eher nach geltenden Ökonomieempfehlungen und weit weniger nach dem tatsächlichen Gesundheitsstatus der Tiere. Es handelt sich also um reine Managemententscheidungen, die früher vielleicht anders getroffen wurden.

Tiergesundheitsdatenbank: Schlachtbefunde langfristig auswerten

Um tatsächlich beurteilen zu können, ob die Kühe unter der hohen Milchleistung leiden oder nicht, braucht es einmal mehr gesicherte Tiergesundheitsdaten. Man hätte diese seit Jahren bei den am Schlachthof angelieferten Tieren erheben müssen.
Aus den Abgangsursachen – wie sie etwa in der HI-Tierdatenbank subjektiv eingetragen/angegeben werden – ist es im Nachhinein kaum möglich zu beurteilen, wie viele Kühe tatsächlich gesund zur Schlachtung gehen, weil sie nicht mehr trächtig geworden sind  und wie viele aufgrund von Lahmheiten, Stoffwechselstörungen, Euterproblemen oder Verletzungen geschlachtet werden. Die Schwere der dann angegebenen Erkrankung müsste ebenfalls berücksichtigt werden (z.B. der Grad der Lahmheit), denn sie läßt sich aus den vorhandenen Daten schlecht ableiten.

Schlussfolgerungen aus einer Statistik

So gesehen haben Statistiken mit einer Aussage (hier: nicht weiter sinkende Lebensdauer = gesund) so ihre Tücken. Es kommt zu häufig auf die Betrachtungsweise an, was man aus ihnen macht.

Wieder ein Beispiel: In Bayern beträgt der Anteil von Totgeburten und gestorbenen Kälbern bis zum 10. Lebenstag derzeit 22 Prozent. Aus der Perspektive von Tiergesundheit und Tierleid ist das ein nicht hinnehmbarer Zustand. Aus Sicht der Betriebswirtschaftler entsteht aber angeblich kein finanzieller Schaden.

Das ist zwar schon wieder ein anderes Thema. Aber auch dieses zeigt: Wir schauen in der Branche zu oft mit der vordergründig objektiv-ökonomischen Brille auf die Themen und vergessen darüber Dinge, die anderen Teilen der Gesellschaft weit wichtiger sind. Am Ende hat eine so entstehende (fehlende) Akzeptanz landwirtschaftlicher Tierhaltung dann womöglich weit größere – auch ökonomische – Konsequenzen.

Quellen: im Artikel verlinkt

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Über den Autor

Annegret Wagner

Dr. Annegret Wagner (aw) hat in Gießen Tiermedizin studiert und arbeitet seit 1991 in der Großtierpraxis; seit 2005 niedergelassen in eigener Praxis mit Schwerpunkt Milchrind im Raum Rosenheim. Seit 2006 arbeitet sie auch als tiermedizinische Fachjournalistin. So hat sie für die VETimpulse die Nutztierthemen betreut und übernimmt diese Aufgabe auch bei wir-sind-tierarzt.de. Um nicht zum Mia-san-mia-Bayer zu mutieren, schaut sie intensiv über den Alpenrand hinaus, vorzugsweise ins englischsprachige Ausland. Kontakt: annegret.wagner(at)wir-sind-tierarzt.de
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