„Irrsinn nicht länger hinnehmen“ – Humanmedizin verschärft die Heilpraktikerdebatte

Zuwendung und Empathie ja, aber gefährlich geringe medizinische Qualifikation – die Humanmedizin streitet über die Abschaffung des Heilpraktikerwesens. (Foto: © pixabay)

„Irrsinn“ oder „gefährliche Pseudowissenschaft“– in der Humanmedizin hat eine Expertengruppe die Debatte um den Heilpraktikerberuf weiter befeuert, indem sie zwei Szenarien beschreibt: Die mit obigen Adjektiven beschriebenen Heilpraktiker mangels Qualifikation ganz abschaffen. Oder eine staatlich anerkannte, qualitätsgesicherte Zusatzausbildung zum „Fach-Heilpraktiker“ einführen. Ohne Reform jedenfalls dürfe es nicht weitergehen.

(jh/PM) – Initiatorin des neuen Vorstoßes in der Humanmedizin ist Bettina Schöne-Seifert, Professorin für Medizinethik der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU). Zusammen mit 16 weiteren Experten hat sie das „Münsteraner Memorandum Heilpraktiker“ erarbeitet. Es fordert den Gesetzgeber auf, das Heilpraktikerwesen, das auf einer „unangemessene Ausbildung und meist unhaltbaren Krankheitskonzepten“ basiere, grundlegend zu reformieren.
Die Gruppe, die das Thema nach eigenen Angaben nicht nur medizinisch, sondern auch unter ethischen, wissenschaftstheoretischen, psychologischen und juristischen Aspekten beleuchtet hat, macht im Prinzip zwei Lösungsvorschläge:

  1. Der Heilpraktikerberuf wird abgeschafft
  2. Der Heilpraktikerberuf wird abgelöst durch die Einführung spezialisierter „Fach-Heilpraktiker“ als Zusatzqualifikation für bestehende Gesundheitsfachberufe.

Hauptkritik: Fehlende medizinische Qualifikation

Für die Tierärzteschaft hatte auch die Bundestierärztekammer bereits kritisiert, dass mit Tierheilpraktikern, Tierpsychologen oder Tierphysiotherapeuten Menschen unter selbst verliehenen, ungeschützte Berufsbezeichnungen praktizieren. Deren Wissen sei nicht im entferntesten mit dem aus einem Tiermedizinstudium vergleichbar.

Braucht es „Fach-Heilpraktiker“?

Auch weitere Ärztekammern erneuerten ihre Kritik am Heilpraktikerwesen. Es sei keineswegs ein Arzt-Ersatz, betonte der Kammer­präsident von Westfalen-Lippe, Theodor Windhorst. „Im Gegenteil: Sie können eine Gefahr für die Patien­tensicherheit sein“, sagte er dem Deutschen Ärzteblatt: „Heilpraktiker können ohne umfassende Ausbildung mit dem Patienten machen, was sie wollen.“

„Heilpraktiker dürfen mit ihren Patienten machen, was sie wollen“ – Humanmediziner kritisieren unwissenschaftliche Behandlungsmethoden. (Foto: © pixabay)

Der Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Dr. Rudolf Henke sieht „keinen Bedarf für einen weiteren Ausbildungsberuf zum Heilpraktiker, der durch eine bundesweit einheitliche Fachausbildung ins Leben gerufen würde.“ Das gelte ebenso für die Idee einer akademischen Ausbildung zum Heilpraktiker. Da könne man ja auch gleich Arzt werden.

Diese Ablehnung zielt auf den zweiten Vorschlag der Münsteraner-Gruppe, eine neue Kategorie von „Fach-Heilpraktikern“ einzuführen: Das soll nur werden können, „wer bereits eine Ausbildung in einem der speziellen nicht-akademischen oder teilakademischen Heilberufe absolviert habe“ (zum Beispiel Ergotherapeuten, Gesundheits- und Krankenpfleger, Logopäden oder Physiotherapeuten). Diese auf Fachhochschulniveau zu absolvierende zusätzliche fachspezifische Ausbildung könne als einen ihrer Teilbereiche den wissenschaftlich fundierten Umgang mit alternativen oder komplementär-medizinischen Verfahren enthalten und „zudem einen deutlichen Schwerpunkt auf Kommunikation und Empathie legen“.

Verwirrende „Berufsbezeichnungen“

Der Heilpraktikerstreit betrifft auch die Psychotherapeuten. Hier wird die sprachliche Verwechselungsgefahr besonders deutlich.
So hatte die Heilpraktikerfraktion – organisiert unter dem Namen „Deutscher Dachverband für Psycho­therapie (DVP)“ – den Münsteraner Vorschlag aufgegriffen und will staatlich geprüfte Fach-Heilpraktiker auch für den Bereich Psychotherapie einführen. Es würde dann künftig „neben dem Ärztlichen und dem Psychologischen Psychotherapeuten einen vergleichbar qualifizierten Heilpraktischen Psychotherapeu­ten“ geben.
Der Verband vertritt nach eigenen Angaben schon heute nach dem Heilpraktikergesetz „psychotherapeutisch Tätige“, die überwiegend über eine Ausbildung nach dem „Euro­päischen Zertifikat für Psychotherapie“ verfügten.
Heilpraktiker dürfen sich offiziell nicht als Psychotherapeuten bezeichnen.

Die Bundespsychotherapeutenkammer (BptK), die Vertretung eben dieser akademisch ausgebildeten Ärztlichen und Psychologischen Psychotherapeuten, will wiederum die bestehende „beschränkte Heilpraktikererlaubnis für den Bereich Psychotherapie“ unbedingt abgeschafft sehen. Auch sei es „mit Blick auf den Patientenschutz völlig abwegig, einen weiteren Heilberuf mit minderer Qualifikation einzurichten, noch dazu mit Ausbildungs- und Tätigkeits­schwerpunkten in Psychotherapierichtungen, deren Wirksamkeit wissenschaftlich nicht belegt ist“, sagte BPtK-Präsident Dietrich Munz.

Heilpraktiker verfügen über eine Erlaubnis nach dem Heilpraktikergesetz von 1939 und nicht über eine Approbation. Für diese Erlaubnis muss der Antragsteller lediglich mindestens 25 Jahre alt sein und einen Hauptschulabschluss vorweisen können.

Woher kommt der Konflikt?

Die Begriffsproblematik bei den Psychotherapeuten macht deutlich, was die Münsteraner Expertengruppe vehement kritisiert: Es existieren im deutschen Gesundheitswesen zwei Parallelwelten, die sprachlich und in der öffentlichen Wahrnehmung kaum mehr wirklich getrennt werden: Die Welt der akademischen Medizin und die Welt der Heilpraktiker.
Während die akademische Medizin auf wissenschaftlichen Fakten beruhe und nach begründetem Fortschritt strebe, seien Heilpraktiker in der sogenannten „Komplementären und Alternativen Medizin (KAM)“ verankert.
Auch der Ausbildungsgang ist verschieden: Während Mediziner ein langes Studium absolvieren, ist die Ausbildung zum Heilpraktiker kurz und weitgehend unreguliert.
Da Heilpraktiker gleichwohl das Etikett „staatlich anerkannt“ bekämen, habe sich bei vielen Patienten der Eindruck verfestigt, dass es sich bei Medizinern und Heilpraktikern um gleichwertige Alternativen handele.

„Irrsinn nicht länger hinnehmen“

Ethik-Professorin Barbara Schöne-Seifert. (Foto: © WWU Obermeier)

„Wir wollten ausloten, wie ein solidarisches Gesundheitswesen verantwortlich und fair mit dem Clash zwischen gefährlicher Pseudowissenschaft und Selbstbestimmung umgehen sollte“, unterstreicht die Medizin-Ethikerin Schöne-Seifert. „Um es deutlich zu sagen: Wir wollten den gegenwärtigen Irrsinn nicht länger hinnehmen.“

Die Münsteraner Autoren sind überzeugt, dass ihre Lösungsvorschläge das Vertrauen in das deutsche Gesundheitswesen stärken und die Versorgung verbessern würden. Das Label „staatlich anerkannt“ wäre nach einer Reform der Heilpraktikerausbildung und der Anbindung an andere Gesundheitsberufe wieder ein echtes Qualitätsmerkmal, an dem sich Patienten orientieren könnten. Der Münsteraner Kreis ruft Institutionen und Einzelpersonen auf, die Politik zu motivieren, das Heilpraktikerwesen nicht nur kosmetisch, sondern grundlegend zu reformieren.

Heilpraktikerverbände haben die Kritik und den Münsteraner Vorstoß deutlich zurückgewiesen (Pressemeldungen hier und hier). Einer „Expertengruppe ohne Experten“ gehe es wohl darum, unliebsame Konkurrenz loszuwerden.

Die Autoren des „Münsteraner Memorandums Heilpraktiker“ sind in der verlinkten Quelle aufgelistet.

Quellen – im Artikel verlinkt und:
Presseerklärung zum „Münsteraner Memorandum“ mit Liste der Unterzeichner
Das „Münsteraner Memorandum“ im Wortlaut
Heilpraktikerwesen: Selbstbestimmung und Gefahr – Bericht im Deutschen Ärzteblatt über das „Münsteraner Memorandum“
Beschluss des Deutschen Ärztetages 2017 zur Reform des Heilpraktikerwesens

Unter dem Hashtag #globokalypse setzen sich Gegner des Heilpraktikerwesens auf Twitter mit dessen Zukunft auseinander. Aufhänger war die aktuelle Entscheidung des britischen Gesundheitswesen (NHS) Homöopathie von der Liste der erstattungsfähigen Behandlungen zu streichen. 

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Über den Autor

Jörg Held

Jörg Held (jh) ist Journalist, Kommunikationswirt und Redaktionsberater mit 30 Jahren Berufserfahrung. Seit 2007 auch im Bereich Tiermedizin unterwegs, davon 5 Jahre als Redaktionsleiter der VETimpulse. Auch bei wir-sind-tierarzt.de leitet er die Redaktion und ist schwerpunktmäßig für berufspolitische Themen und die Nachrichten verantwortlich. Kontakt: joerg.held(at)wir-sind-tierarzt.de
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