Überschreiten wir die biologischen Grenzen von Tieren?

Mit der Frage, ob Menschen Tieren Leistungen abverlangen, die oberhalb deren biologischem Limit liegen, beschäftigt sich das Buch „Are we Pushing Animals to Their Biological Limits?“, herausgegeben von Temple Grandin (Colorado State University, USA) und Martin Whiting (Royal Veterinary College, UK).

Temple Grandin, die an der Colorado State University über Tierverhalten und den richtigen Umgang mit Tieren doziert, erklärt im ersten Kapitel, wie die Idee zu dem Buch entstand: In den USA war es früher üblich, dass Schweine im dritten Stock der Schlachthöfe betäubt wurden. Die Tiere mussten daher nach dem Entladen eine steile Rampe erklimmen. Bis Ende der 1970er Jahre war das für die Schweine kein Problem, doch in den 1980er Jahren stellte Grandin fest, dass es den Schweinen zunehmend schwerer fiel, die langen Rampen zu bewältigen, vor allem nach einem anstrengenden Transport. Daran merkte sie, wie sich die Genetik und der Gesundheitszustand der Schweine veränderte. Die „neuen“ Schweine waren frohwüchsiger und weniger fett als die alten Genetiken, dafür aber stressanfällig und körperlich weniger belastbar. Die Konsequenz für Grandin war zunächst, dass die Schweineschlachtung ins Erdgeschoss verlegt wurde, aber dann begann sie sich Gedanken um die gesundheitlichen Veränderungen von Tieren aufgrund einseitger Zuchtziele zu machen.

In dem Buch beschäftigen sich 15 Wissenschaftler mit verschiedenen Tierarten und den Problemen die diese damit haben, den Ansprüchen von Menschen gerecht zu werden. Es geht dabei um die „Klassiker“, also die hohen Milchleistungen bei Kühen, hohe tägliche Zunahmen bei Schweinen und Masthähnchen, hohe Arbeitsbelastung in Kombination mit schlechter Futterversorgung bei Arbeitspferden in armen Ländern, um Beinprobleme von Rennpferden und natürlich um brachycephale Hunderasssen.

Die Feststellung, dass es unmoralisch ist, Leistungen zu fordern bzw. zu erzüchten, die dazu führen, dass es den Tieren körperlich schlechter geht als ihren Vorgängergenerationen, zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Während es für brachycephale Hunde eine Reihe von Operationsmethoden gibt, um ihnen das Leben und Atmen trotz ihrer unphysiologischen Schädelform zu erleichtern, existieren solche Kompensationsmöglichkeiten für schnellwüchsige Schweine, Hähnchen mit extremer Brustmuskelausprägung und Milchkühe mit riesigen Eutern nicht. Den landwirtschaftlichen Nutztieren gehe es seit Beginn der Leistungszucht (Mitte des vergangenen Jahrhunderts) körperlich schlechter als vor dieser Zeit, was ein größeres Maß an Tierleid nach sich ziehe und auch nicht durch vermeintlich bessere Haltungssysteme ausgeglichen werden könne.

Während die meisten Autoren lediglich versuchen dem Leser ihr Fachgebiet und die jeweiligen Probleme für die Tiere zu erläutern, beschäftigt sich Bernard Rollin, Professor für Philosophie und Nutztierwissenschaften an der Colorade State University, in seinem Beitrag mit den ethischen Problemen, die die moderne Tierzucht mit sich bringt. Er erläutert zunächst, wie sich die Landwirtschaft verändert hat, seit sie zu einer „Industrie“ geworden ist. Vom Beginn der Tierhaltung vor rund 12.000 Jahren bis zum Ende des zweiten Weltkriegs war die Haltung landwirtschaftlicher Nutztiere geprägt durch eine gegenseitige Abhängigkeit. Die einzelnen Tierbesitzer besaßen nicht viele Tiere, so dass jedes einen hohen Wert für sie hatte und sie sich dementsprechend um ihre Tiere kümmerten. Die Menschen versorgten ihre Tiere mit Wasser und Futter und boten ihnen Schutz vor Raubtieren. Dafür nutzten sie die Produkte aus der Tierhaltung. Mit zunehmenden Betriebsgrößen hat die Abhängigkeit des Landwirts vom Einzeltier abgenommen. Zusätzlich liegt der Fokus der Zucht auf einer stetigen Leistungssteigerung und Optimierung der Wirtschaftlichkeit.

Über die Zukunft der Nutztierhaltung und die Verantwortung der Landwirte äußert sich Rollin wie folgt:

„Man kann sicher sein, dass Biotechnologie ausschließlich dazu benutzt werden wird, Tiere über ihre biologischen Grenzen hinaus zu treiben, mit dem Schwerpunkt auf Steigerung von Produktivität, Effizienz und Profit für den Halter ohne Rücksicht auf Tiergesundheit, Tierleid oder Nachhaltigkeit, wie sie in der traditionellen Landwirtschaft erfolgreich umgesetzt wurde. Ich habe daher ein Leitmotiv zum Einsatz von Gentechnik bei landwirtschaftlichen Nutztieren vorgeschlagen, das Einschränkungen vorsieht und habe es das „Prinzip der Erhaltung des Wohlergehens“ genannt. Dieses Prinzip legt fest, dass es gentechnisch veränderten Tieren nicht schlechter gehen darf als der – nicht veränderten – Elterngeneration. Im Idealfall sollte es den veränderten Tieren besser gehen. Dieser Fall ist dann gegeben, wenn Tiere auf Krankheitsresistenzen gezüchtet werden, solange dieses Ziel nicht mit versteckten anderen Mängeln einhergeht. Als ich dieses Prinzip anlässlich des USDA Symposiums zur Gentechnologie vorstellte, haben nahezu alle Teilnehmer diesem Gedanken zugestimmt.

Darüber hinaus gefährdet Gentechnologie die biologische Vielfalt. Wenn ein bestimmtes Tier als überlegen angesehen wird, beispielsweise bei Milchkühen oder Hühnern, dann wird es die kommerzielle Produktion dominieren, wie es bereits mit den Masthähnchen geschehen ist. Das bedeutet, dass bestimmte Rassen aussterben werden oder nur noch von Hobbyhaltern gezüchtet werden. Dabei könnte es sein, dass wir uns in der Zucht auf die falschen Merkmale konzentrieren und diese speziell gezüchteten Tiere dann mit veränderten Umweltbedingungen nicht klar kommen. In der HF-Zucht beispielsweise trug der Bulle, der für den besten Vererber gehalten wurde und an dem sich die gesamte Zucht orientierte, einen Gendefekt, der im Nachhinein die gesamte Rasse beeinträchtigt hat.

Wie ein Sprichwort sagt: „Alles hat seinen Preis.“ Der Grundsatz, dass man bei der Haltung von Tieren Respekt vor deren biologischen Grenzen haben muss, sollte nicht einfach ignoriert werden. In der heutigen Zeit, in der das Wohlergehen der Tiere einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert hat, ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Gesellschaft neue Ursachen (zuchtbedingt) die zu Tierleid führen, tolerieren wird. Die Landwirtschaft täte gut daran, zu einem mehr auf Ausgewogenheit basierenden Ansatz zurück zu kehren, der nicht darauf ausgerichtet ist, die biologischen Grenzen von Tieren in einer Weise zu überschreiten, die zu neuem Leid führt.“

 

Das sehr lesenswerte Buch – leider nur in englischer Sprache – ist über Thalia oder amazon bestellbar, ebenso direkt beim Verlag CABI, und vermutlich auch bei den üblichen Buchhändlern.

ISBN-13: 978-1786390547

Teilen
Über den Autor

Annegret Wagner

Dr. Annegret Wagner (aw) hat in Gießen Tiermedizin studiert und arbeitet seit 1991 in der Großtierpraxis; seit 2005 niedergelassen in eigener Praxis mit Schwerpunkt Milchrind im Raum Rosenheim. Seit 2006 arbeitet sie auch als tiermedizinische Fachjournalistin. So hat sie für die VETimpulse die Nutztierthemen betreut und übernimmt diese Aufgabe auch bei wir-sind-tierarzt.de. Um nicht zum Mia-san-mia-Bayer zu mutieren, schaut sie intensiv über den Alpenrand hinaus, vorzugsweise ins englischsprachige Ausland. Kontakt: annegret.wagner(at)wir-sind-tierarzt.de
Web Design MymensinghPremium WordPress ThemesWeb Development

Wildtiere: Hilfe kann auch Leid bedeuten

9. März 20169. März 2016
Ein Faltblatt gibt Tipps zum Umgang mit Wildtieren. (©Landestierschutzbeauftragte Hessen / Erni/Fotolia.com)„Wildtiere brauchen in den aller seltensten Fällen menschliche Hilfe," sagt die Landestierschutzbeauftragte Hessen. Was tun kann, wer ein Wildtier findet – oder aber auch besser lassen sollte – erklärt ein Flyer, den Dr. Madeleine Martin zusammen mit der Landestierärztekammer Hessen herausgegeben hat. (mehr …)