Hormonfleisch: Wie viel Östrogen steckt in welchem Lebensmittel?

“Hormonfleisch” aus den USA ist ein Schlagwort im Zusammenhang mit dem EU-USA-Freihandelsabkommen TTIP. Wie viel Östrogen am Ende in einer Portion Rindfleisch übrig bleiben – nämlich 1,9 Nanogramm  pro 85 Gramm Fleisch –, rechnet ein US-Papier vor. Im Vergleich mit Sojamilch (11.205 ng/85g) ist das marginal. Gefordert ist also statt einer “Angstargumentation” eine politische Grundsatz-Entscheidung gegen Wachstumsförderer in der Fleischproduktion.

von Annegret Wagner

Fleischrinder auf endlosen Weiden gehören zum Cowboy-Bild der USA. Damit auch die männlichen Rinder gefahrlos in großen Gruppen und auf die Weiden können, ist es üblich, sie zu kastrieren. Die Ochsen aber haben dann eine deutlich geringere Gewichtszunahme als Bullen. Deshalb implantieren US-Tierärzte ein Hormondepot, das Wachstum und Muskelansatz fördert. In Europa wird das Endprodukt oftmals als “Hormonfleisch” tituliert.

Hormongehalt im Rindfleisch

Bruce Treffer, landwirtschaftlichen Berater der University of Nebraska-Lincoln, hat aufgelistet, wie viel Östrogen ein Stück Fleisch eines so behandelten Ochsen pro 85 Gramm (entspricht einer Portion pro durchschnittlicher Mahlzeit) enthält: 1,9 ng Östrogen. Die Zahl stammt aus einem Papier der National Cattlemen’s Beef Association (NCBA), dem Dachverband der Rindfleischindustrie. Der wiederum hat verschiedene Quellen, unter anderem der US-Gesundheitsbehörde FDA, ausgewertet. Demnach enthält unbehandeltes Fleisch 1,3 ng Östrogen pro Portion.

Hohe Östrogengehalte in Sojamilch

Fleischrinder auf der Weide

Fleischrinder auf endlosen US-Weiden – damit Ochsen dort schneller Fleisch ansetzen, erhalten sie Hormonimplantate zur Wachstumsförderung. (Fotos: © WiSiTiA/aw)

Solche Nanogramm-Zahlen allein sagen wenig aus, daher stellt Treffer auf Basis des NCBA-Papiers verschiedene Nahrungsmittel und deren Östrogengehalt pro 85 Gramm einander gegenüber: Kartoffeln etwa enthalten demnach 225 ng Östrogen, Erbsen 340 ng und Speiseeis 520 ng. Vergleichsweise hohe Hormonwerte haben hier Soja-Produkte: Sojamilch enthält 11.250 ng Östrogen und Sojoabohnenöl sogar 168.000 ng. Dagegen erscheint der durchschnittliche Östrogen-Gehalt einer Anti-Baby-Pille mit 35.000 ng pro Stück bescheiden. Bereits Kinder produzierten etwa 50.000 ng Östrogen pro Tag und erwachsene, nicht-schwangere Frauen 480.000 ng.

Körperfettanteil wichtigste Ursache für frühe Pubertät

Hormonfleisch wird unter anderem Einfluß auf Veränderungen des menschlichen Organismus vorgeworfen. So soll es für schnelleres Wachstum und den immer früheren Pubertätsbeginn bei Jugendlichen verantwortlich sein. Das stimme nicht, zitiert Bruce Treffer den Kinderarzt Dr. Frank Biro, vom Cincinnati Children’s Hospital: Eine Hormonaufnahme sei keineswegs die primäre Ursache. Der wichtigste Faktor hierfür sei der Body-Mass-Index, also die Kalorienaufnahme und die damit verbundene Erhöhung des Körperfettanteils.

Politische Entscheidung nötig

Selbst wenn man unterstellt, dass der Lobbyverband NCBA die Hormonwerte im Fleisch in irgendeiner Form schönrechnet, sind die unterschiedlichen Östrogen-Gehalte derart groß, dass der Hormongehalt allein kaum als Begründung für ein Handelsverbot herhalten kann.
Ein anderes, politisch glaubwürdigeres und letztlich auch gewichtigeres Argument gegen “Hormonfleisch” ist die Entscheidung Europas, Wachstumsförderer in der Fleischproduktion grundsätzlich zu verbieten. Das müsste dann aber auch europaweit für alle Stoffe und Länder gelten. Etwa für Zinkoxyd (als antibiotisch wirkender Wachtumsförderer), das in Deutschlands Schweinefleisch-Produktion verboten, in Dänemark aber erlaubt ist.

In den USA sind Hormonimplantate nur bei Rindern erlaubt, nicht aber bei Schweinen, Hühnern und anderen lebensmittelliefernden Tieren.

Hormone in deutschen Schweinen

Brunftsynchronisation und Ebermast sind zwei Themen, bei denen auch Deutschland über Hormone diskutiert. Kollege Manfred Stein (animal-health-online.de) hat in einem ausführlichen Beitrag beschrieben, welche “Hormonbelastung” dadurch hierzulande entsteht –speziell das “Dopingmittel” Nandrolon, dass Eber verstärkt bilden.

Eine umfassende Recherche rund um das EU-US-Freihandelsabkommen TTIP hat süddeutsche.de in einem eigens erstellten Dossier veröffentlicht

 Hintergrund:

Bullen wachsen 8-12 % schneller als ihre kastrierten Kollegen (Ochsen). Daher versucht man, den Hormonverlust, der durch die Kastration entsteht zu kompensieren. Handelsüblich Implantate enthalten fast immer Östradiol (ein Östrogen), das eigentlich ein weibliches Hormon ist. Bei Wiederkäuern hat es aber auch bei männlichen Tieren eine anabolische Wirkung. Die Wachstumraten verbessern sich bei implantierten Ochsen um 10 – 20%, die Futterverwertung wird ebenfalls effektiver. Einige Präparate enthalten zusätzlich Trenbolon, ein Androgen, das deutlich effektiver wirkt als Testosteron und den Muskelansatz verbessert ohne dass es zu zusätzlichem Fettansatz kommt. Die Implatate geben durchschnittlich 0,1 – 0,2 mg Östradiol pro Tag pro Tag ab und wirken zwischen 100 und 400 Tagen.

Teilen
Über den Autor

Annegret Wagner

Dr. Annegret Wagner (aw) hat in Gießen Tiermedizin studiert und arbeitet seit 1991 in der Großtierpraxis; seit 2005 niedergelassen in eigener Praxis mit Schwerpunkt Milchrind im Raum Rosenheim. Seit 2006 arbeitet sie auch als tiermedizinische Fachjournalistin. So hat sie für die VETimpulse die Nutztierthemen betreut und übernimmt diese Aufgabe auch bei wir-sind-tierarzt.de. Um nicht zum Mia-san-mia-Bayer zu mutieren, schaut sie intensiv über den Alpenrand hinaus, vorzugsweise ins englischsprachige Ausland. Kontakt: annegret.wagner(at)wir-sind-tierarzt.de
Web Design MymensinghPremium WordPress ThemesWeb Development

Wildtiere: Hilfe kann auch Leid bedeuten

9. März 20169. März 2016
Ein Faltblatt gibt Tipps zum Umgang mit Wildtieren. (©Landestierschutzbeauftragte Hessen / Erni/Fotolia.com)„Wildtiere brauchen in den aller seltensten Fällen menschliche Hilfe," sagt die Landestierschutzbeauftragte Hessen. Was tun kann, wer ein Wildtier findet – oder aber auch besser lassen sollte – erklärt ein Flyer, den Dr. Madeleine Martin zusammen mit der Landestierärztekammer Hessen herausgegeben hat. (mehr …)