Wie soll es weitergehen, wenn die betäubungslose Ferkelkastration ab 2019 verboten ist? „Die deutsche Tierärzteschaft sieht die Immunokastration als besten Weg“, schreibt aktuell Spiegel Online. Doch gibt es eine derart eindeutige Positionierung „der Tierärzteschaft“ überhaupt?
von Jörg Held
Die Immunokastration – auch Eberimpfung genannt – sei das Verfahren, das das Ferkel am wenigsten verletze und auch den geringsten Gefahren aussetze, zitiert Spiegel Online Professor Thomas Blaha und schreibt weiter: „Blaha und die deutsche Tierärzteschaft sehen die Immunokastration als besten Weg.“
Klar ist: Alle Tierarztverbände unterstützen ohne Einschränkung das per Gesetz beschlossene Ende der betäubungslosen Ferkelkastration zum Jahreswechsel 2018/2019 als richtigen Schritt. Doch eine eindeutige Positionierung „der“ Tierärzteschaft zu einem „besten Weg“ gibt es nicht. Zumindest viele Schweinepraktiker halten mehrere Wege für sinnvoll.
TVT: Klar pro „Immunokastration“
Die Sicht des Tieres vertritt Professor Thomas Blaha. Er ist Vorsitzender der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT) und die hat sich in einer Stellungnahme (Download hier) klar positioniert: Tierethisch sei die Jungebermast mit Immunokastration eindeutig erste Wahl. Bei allen anderen Verfahren „bezahle“ das Tier einen hohen Preis: Bei der Kastration unter Betäubung (egal welches Narkoseverfahren) mit Angst, Stress und dem Verlust der körperlichen Unversehrtheit. Bei der Ebermast mit sehr hohem Stress- und Verletzungsrisiko durch unvermeidliche Rangkämpfe im Stall. Die Interessen der Menschen, ob organisatorisch oder ökonomisch, dürften da eben nicht gleichwertig oder gar höher gewertet werden.
bpt: Alle Optionen offen halten
Keine der bislang verfügbaren Methoden sei dagegen für alle Betriebe und Vermarktungsstrukturen geeignet, schreibt der Bundesverband der praktizierenden Tierärzte (bpt). Eine im November von der bpt-Mitgliederversammlung verabschiedete Resolution (Download hier) sieht für alle Methoden (Ebermast, Impfung gegen Ebergeruch/Immunokastration, Kastration unter Narkose) Vor-und Nachteile. Das geeignete Verfahren müsse anhand der individuellen Produktions- und Vermarktungsgegebenheiten ausgewählt werden können. Die bestehenden technischen und arzneimittelrechtlichen Probleme müsse man lösen und auf eine gemeinsame europarechtliche Lösung hinarbeiten.
BR-Filmbeitrag über die Geschichte des Kastratiosnverbotes und die Probleme der Ebermast.
BTK: Keine „Betäubung im Akkord“
Auch die Bundestierärztekammer hat sich gegen die Lokalanästhesie positioniert. Eine Blockadehaltung der Wirtschaftsbeteiligten hat Dr. Uwe Tiedemann, Präsident der Bundestierärztekammer (BTK) ausgemacht*. Die Industrie täte gut daran, sich allmählich für einen Weg zu entscheiden. „Eine Betäubung im Akkord“ in Erwägung zu ziehen, sei ein Unding und eher Augenwischerei denn Tierschutz. Auch der BTK-Ausschuss für Schweine sieht Ebermast, Immunokastration und Betäubung nicht als gleichwertig. Sowohl Isofluran- als auch Injektionsnarkose seien nicht für den flächendeckenden Einsatz geeignet, sondern bestenfalls „Nischenlösungen“.* Diese Aussage wiederum wird unter Tierärzten heftig diskutiert und auch kritisiert.
Bundesregierung: Verfahren gleichberechtigt akzeptieren
Das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) hat im Dezember gerade einen Bericht zum Stand der Entwicklung alternativer Verfahren zur Ferkelkastration vorgelegt (PDF-Download hier). Sie beurteilt darin „alle vorhandenen Alternativen aus der Sicht des Tierschutzes, der Arzneimittelsicherheit und des Verbraucherschutzes als geeignet, die Praxis der betäubungslosen Ferkelkastration abzulösen“. Alle Alternativverfahren weisen aber auch laut diesem Bericht Vor- und Nachteile auf. „Damit die Umstellung ohne größere Marktverwerfungen erfolgen kann, ist es wichtig, dass alle drei Alternativen auf allen Stufen der Lebensmittelkette gleichberechtigt Akzeptanz finden, um größtmögliche Flexibilität für alle Akteure zu erhalten,“ schreibt die Bundesregierung.
Wie lösen andere Staaten in Europa das Problem: Eine Übersicht hier
Handel: Aldi & Co schaffen Fakten – ohne Lösungen
Der Handel schafft Fakten: So wollen Aldi-Nord und Süd bereits ab 2017 kein Fleisch von kastrierten Schweinen mehr anbieten (Ausnahme Bioware). Rewe verbannt für seine Eigenmarken das Fleisch betäubungslos kastrierter Schweine, akzeptiert aber (nach eigenen Angaben) alle anderen Verfahren. Lidl gibt an schon länger kein Kastratenfleisch mehr zu vermarkten, meldet der NDR.
Das Problem: In deutschen Frischfleischtheken liegen überwiegend nur die Edelstücke der Schweine. Ein großer Teil der Schlachtkörper aber wird auch international vermarktet.
Hier blockiert vor allem der wichtige asiatische Markt das Kastrationsthema. Fleisch von Ebern oder immunokastrierten Schweinen nehmen etwa Korea oder auch China gar nicht erst ab. Entsprechend gibt es Schlachtbetriebe, die wiederum von ihren Bauern keine Eber/Immunokastraten annehmen. Auch kleine Metzger und Landwirte fürchten eine Marktspaltung und einen neuen Schub für den Strukturwandel: Große Ferkelerzeuger und große Schlachthöfe können die Auflagen leichter umsetzen als kleine Betriebe.
wir-sind-tierarzt.de meint: Des Elend der vielen Wahrheiten
(jh) – Wie immer gibt es nicht nur die „eine“ Wahrheit. Und es gilt auch: Darauf, was die Tierärzte wollen, kommt es letztlich nicht an. Sie sollten sich politisch nicht in die Rolle dessen drängen lassen, der abschließend bewertet, was die Bauern tun sollen. Das ist eine politische Entscheidung, denn der deutsche Gesetzgeber kann zwar den Schweinehaltern die (betäubungslose) Ferkelkastration verbieten, aber er kann den Kunden – ob im deutschen Laden oder den internationalen Abnehmern – eben nicht vorschreiben, Eberfleisch oder Fleisch von immunokastrierten Schweinen zu kaufen. Das regelt am Ende wieder einmal der Markt. Und der drückt sich davor, hier klar Farbe zu bekennen, was er kaufen und verkaufen will – und was mit den Tieren geschehen soll, die dann nicht „verkäuflich“ sind.
Also gilt medizinisch: Für die männlichen Ferkel ist die Jungebermast mit Immunokastration unstrittig die beste, weil schonendste Methode.
Aber es gilt auch: Die Branche braucht (noch) die Option auf alle Lösungen inklusive der Kastration unter Betäubung. Mit dieser Bandbreite „lösen“ auch die Nachbarländer die Kastrationsfrage – wenn sie nicht sogar einfach weitermachen wie bisher, mit der Kastration unter Schmerzmittelgabe ohne weitere Auflagen.