“Schweine-City” – Bürgerinitiative gegen Biolandwirt

DR. HENRIK HOFMANN Schwein Bioschwein Biogas

(jh) – Bürgerinitiativen gegen Massentierhaltung. Da denkt man an Proteste gegen Agrarfabriken im Osten Deutschlands mit zehn-, zwanzigtausend und mehr Mastplätzen. Doch es gibt auch Proteste gegen Bio-Schweinehalter auf einem schwäbischen Dorf: Stinken soll es nämlich auch auf dem Land nicht mehr. Für Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt aber “gehört die Landwirtschaft in die Mitte der Gesellschaft”.

Die Zahl 1.000 scheint eine Art magische Grenze für Bürgerproteste gegen Tierhaltung zu sein (siehe Quellen unten). Ab dann beginnt gefühlte  Massentierhaltung auch in Biobetrieben. In immer mehr Dörfern fühlen sich Tierhalter deshalb an den Rand gedrängt. Auch weil  Futtermittel- und Antibiotika-Skandale, Umweltbelastungen und Fleischverzicht in den Medien eine immer größere Rolle spielen, gelten Tierhalter im eigenen Ort zunehmend als Bedrohung und Störenfried.

Bilden 1.600 Bio-Schweine eine “Schweine-City”?

“Keine Schweinemast in Auernheim,” lautete der Slogan eines Bürgerprotestes gegen einen Biolandwort, über den die Heidenheimer-Zeitung 2012 berichtete. 300 Meter vom Ortsrand des 600-Seelen-Dorfes entfernt wollte er einen Maststall für 1.200 Schweine bauen. Mit Haltung in großen Gruppen auf Stroh und mit Auslauf – und doppelt bis dreimal mehr Platz als in konventioneller Mast.
Doch eine Bürgerinitiative fürchtet, ihr Ort werde dadurch – und weil der Landwirt bereits 400 Schweine in einem anderen Stall hält – zur “Schweine-City”. Es “stinkt” ihnen schon jetzt genug auf dem Land. Die Bürger erwarten noch mehr Geruchs-, Staub-, Keim- und Grundwasserbelastung – und natürlich eine Wertminderung der Immobilien. Das Beispiel steht für viele.

Zugezogene als treibende Kraft?

Was Protestler motiviert, hat die Universität Göttingen an einem anderen Fall untersucht (PDF-Download): Zugezogenene Frauen mit wenig Kontakt zu Landwirtschaft stellen demnach die Mehrheit in einer Initiative. Vor allem befürchten sie eine starke Geruchsbelästigung. Für diese Gruppe ist das Argument nicht relevant, dass der Stall für die Landwirte die einzige Möglichkeit ist, ihren Arbeitsplatz zu erhalten.

Der Bio-Schweinestall in Auernheim wurde trotz Protest gebaut, auch weil es gelang im Dialog viele Vorwürfe zu entkräften. Proteste dieser Art gibt es aber  bundesweit. Sehr sachlich setzt sich damit folgender SWR-Beitrag auseinander. (Hinweis: Dokumentationen/Informationsbeiträge in der ARD/ZDF-Mediathek dürfen nur bis zu zwölf Monaten online sein – deshalb ist dieser Beitrag leider nicht mehr verfügbar)

 

 

Wir-sind-tierarzt meint:

(jh) – Es lebe der gesellschaftliche Wandel. Landwirte scheinen auch auf dem Land immer weniger Entwicklungsmöglichkeiten zu haben: Wenn schon Fleisch, dann möchte der Deutsche zwar gerne mehr Bioware zu akzeptablen Preisen. Aber auch die soll nicht in wirtschaftlichen Größenordnungen in deutschen Dörfern erzeugt werden. Dann doch lieber importiert – dann stinkt es hier nicht so.
Eigentlich muss es niemanden mehr wundern, dass es einen Strukturwandel in der Landwirtschaft gibt und die Tierhaltung sich in Gebieten konzentriert, in denen sie noch akzeptiert wird – oder die “menschenleer” sind. Landwirtschaft gehört inzwischen anscheinend schon nicht mehr zum landlusttypischen Landleben. Da kann der Bundeslandwirtschaftsminister – (am 20.5.2015) bei der Vorstellung des Agrarberichtes 2014 – noch so hoffnungsvoll postulieren: “Die Landwirtschaft gehört in die Mitte der Gesellschaft”.
Womöglich wird umgekehrt ein Schuh draus: 
Prof. Dr. Regina Birner von der Universität Hohenheim schlussfolgerte auf der Fachtagung des Zentralverbandes der Deutschen Schweineproduktion (ZDS) am 19. Mai 2015 in Melle (Niedersachsen): Man müsse für mehr Tierwohl in der Landwirtschaft möglicherweise sogar einen verschärften Strukturwandel hinnehmen. 

Quellen

Beitragsbild: © WiSiTiA /Henrik Hofmann

Nachtrag in eigener Sache: In der ersten Fassung dieses Artikels war als Beispiel nur der Protest gegen den Bio-Schweinestall in Auernheim angeführt. Ein Leser monierte zu recht, dass der Fall aus 2012 weit zurück liege und damit womöglich wenig aussagekräftig sei. Wir haben deshalb das Thema weiter recherchiert und den Beitrag mit zusätzlichen Beispielen aktualisiert.

 

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