Keine BSE-Testpflicht mehr bei Gesundschlachtungen

BSE-Test beim Rind – Testpflicht nur noch für Rinder älter als 48 Monate nach Not/Krankschlachtung. (Foto: © Henrik Hofmann)

Die BSE-Krise war eine der ersten europaweiten Lebensmittelkrisen. Erstmals 1988 bei Rindern in Großbritannien offiziell nachgewiesen, stand die Bovine Spongioforme Encephalopathie im Verdacht, auch auf Menschen übertragbar zu sein. Mittlerweile treten nur noch einzelne Fälle auf. Auch Deutschland will deshalb die BSE-Testpflicht bei Gesundschlachtungen abschaffen.

Die letzten BSE-Infektion wies Portugal im November 2014 bei einem klinisch gesunden 16-Jahre alten Arbeitsbullen bei einer Notschlachtung nach. Und im Dezember meldete die OIE einen Fall aus Rumänien. Wie bei den meisten Krankheiten ist nicht ganz sicher, wann BSE tatsächlich zum ersten Mal aufgetreten ist. Die Behörden vermuten, dass es bereits vor der ab 1988 systematischen Erfassung mindestens 446 Fälle bei Rindern in Großbritannien gab. Als Ursache gilt die Verfütterung von mangelhaft erhitztem Wiederkäuer-Tiermehl an andere Wiederkäuer. Erst eine Temperatur von 600°C tötet die BSE-Auslöser, die sogenannte Prionen, zuverlässig ab. Als auslösendes Agens ist aber auch der Einsatz von Antiparasitika im Gespräch, da diese damals aufgrund einer eklatanten Leberegelproblematik massiv bei Wiederkäuern eingesetzt wurden.

Insgesamt 184.624 Fälle in Großbritannien

In Großbritannien nahm in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Erkrankungen bei Rindern dramatisch zu. Während im Jahr 1988 “nur” 2.514 Fälle offiziell bestätigt wurden, zählten die Behörden vier Jahre später 37.280 infizierte Rinder. 1992 war damit das Jahr mit den meisten Diagnosen, danach gingen die Zahlen zurück: 2013 gab es auf der Insel noch drei BSE-Fälle bei Rindern, in diesem Jahr noch keinen. Insgesamt bestätigten die Behörden in Großbritannien zwischen 1988 und 2014 die Infektion von 184.624 Tieren.

Fütterungsverbot für Wiederkäuereiweiß

Als Konsequenz aus den ersten Verdachtsmomenten war es in Großbritannien schon ab 1988 nicht mehr erlaubt, Wiederkäuereiweiß an Wiederkäuer zu verfüttern. Seit November 1994 gilt ein EU-weites Fütterungsverbot für Säugetiereiweiß an landwirtschaftliche Nutztiere. Allerdings wurde das britische Verarbeitungsverbot von Wiederkäuerschlachtabfällen vermutlich bis 1995 nicht  konsequent eingehalten. Erst seit 1996 wurden die Abfälle kostenlos abgeholt und entsorgt. Danach erkrankten nur noch 115 Rinder an BSE. Diese BARB- (born after reinforced ban) Tiere haben sich vermutlich durch kontaminiertes Futter angesteckt, das nach Großbritannien importiert wurde.

406 Infektionen in Deutschland

Festliegende Kuh – xxxx Rinder erkrankten in Großbritannien an BSE.

Festliegende Kuh – 184.624 Rinder erkrankten in Großbritannien an BSE. (© WiSiTiA/aw)

In Deutschland meldeten die Behörden den ersten offiziellen Erkrankungsfall am 26.11.2000. Vermutlich gab es aber im Kreis Bad Segeberg schon in den 1990er Jahren einige Infektionen. In 2001 begann die Untersuchung aller Schlachtrinder ab einem Alter von zwei Jahren. Diese Altersgrenze haben die Behörden mittlerweile mehrfach nach oben korrigiert. In 2001 wurden auch die meisten Infektionen festgestellt, nämlich bei 125 Tieren. Schon im nächsten Jahr sank die Fallzahl auf 106 und bis zur letzten Feststellung in 2009 summierten sich die Infektionen auf 406. Anfang des Jahres 2014 (Januar und Februar) wurde hierzulande bei zwei älteren Kühen BSE festgestellt, es handelte sich aber um eine andere Variante der Erkrankung.

176 Menschen in Großbritannien infiziert – keiner in Deutschland

Schuld daran, dass BSE eine Art Massenpanik auslöste, war die Vermutung, dass sich Menschen durch den Verzehr von Rindfleisch ebenfalls mit Prionen infizieren könnten. Dieses Phänomen konnte bei verschiedenen Fleischfresserarten, vor allem Zootieren beobachtet werden. Im Jahr 1994 wurde in Großbritannien erstmals eine neue Variante (= nv oder v) der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit bei Menschen nachgewiesen. CJK wird ebenfalls durch sogenannte Prionen verursacht und lässt sich nicht behandeln. Diese neue Variante (vCJK) fanden die Ärzte vor allem bei jüngeren Menschen, während die klassische Form von CJK bei älteren Personen auftritt. (Selbsternannte) Experten prophezeiten daraufhin eine Epidemie mit vCJK ab dem Jahr 2005 mit einem vermuteten Peak im Jahr 2015.

Prognostizierte vCJK-Epedemie blieb aus

Tatsächlich nahm die Erkrankungshäufigkeit in Großbritannien aber einen anderen Verlauf. Nach den ersten acht Neuinfektionen im Jahr 1994 stieg die Zahl bis auf 29 Fälle in 1999, um dann langsam wieder abzufallen. Im Jahr 2010 wurde der derzeit letzte neue Krankheitsausbruch (1 Fall) registriert. Bis zum Ende des Erfassungszeitraum im Dezember 2011 sind sämtliche 176 Personen, die an vCJK erkrankt waren, verstorben.
Das Durchschnittsalter der gestorbenen Menschen beträgt 28 Jahre, wobei es für die Fälle von 2008 bis 2011 bei 26 Jahren lag. Das entspricht nicht den Erwartungen der Epidemiologen, ausgehend von der Annahme, dass Rindfleischverzehr der alleinige Auslöser der Krankheit ist. Eine zeitlich versetztes, parallel verlaufendes Infektionsgeschehen bei Rind und Mensch kann allerdings beobachtet werden.

Genetische Veranlagung nötig

Bei allen infizierten Personen konnte eine genetische Veranlagung für die Entstehung der Erkrankung nachgewiesen werden. Diese genetische Veranlagung findet sich bei 40 Prozent aller Europäer, die restlichen sind resistent gegen eine Infektion.
Mindestens vier Personen haben sich durch Bluttransfusionen infiziert, die von Spendern stammten, die (wie sich später herausstellte) an vCJK litten.
Bis Dezember 2011 verstarben weltweit 210 Menschen an vCJK erkrankt. Neben den 176 Fällen in Großbritannien (incl. Irland) wurden 23 Fälle aus Frankreich gemeldet. Deutschland registrierte keine  Infektion bei Menschen.
Um weitere Ansteckungen so gut wie möglich zu vermeiden, dürfen sämtliche Personen, die vor dem 31.12.2003 in Großbritannien operiert wurden (egal weswegen, egal welche Nationalität) kein Blut spenden.

Nick Andrews, der die statistische Auswertung der vCJK-Erkrankungen in Großbritannien vorgenommen hat, geht zur Zeit nicht davon aus, dass es ein erneutes dramatisches Ansteigen der Infektionen geben wird.

Deutschland will BSE-Untersuchungen für Gesundschlachtungen beenden

In Absprache mit dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) eine Verordnung an den Bundesrat weitergeleitet, die ein Ende der BSE-Untersuchungspflicht für gesund geschlachtete Rinder vorsieht. Bereits seit dem März 2013 hätte diese Regelung in Einklang mit dem EU-Recht erfolgen können, doch die Behörden blieben zunächst bei der Untersuchungspflicht. Allerdings hatten sie das Untersuchungsalter im Juli 2013 auf 96 Monate angehoben. Jetzt soll die Test-Pflicht komplett entfallen – mit zwei Einschränkungen:
Künftig müssen alle Rinder, die älter als 48 Monate sind und aus einem besonderen Anlass geschlachtet werden (Notschlachtung/Krankschlachtung) auf BSE untersucht werden. Zusätzlich soll ein BSE-Monitoring bei Schlachttieren über 132 Monaten durchgeführt werden. Diese Pläne müssen allerdings erst den Bundesrat passieren, was frühestens im März der Fall sein dürfte.

Teilen
Über den Autor

Annegret Wagner

Dr. Annegret Wagner (aw) hat in Gießen Tiermedizin studiert und arbeitet seit 1991 in der Großtierpraxis; seit 2005 niedergelassen in eigener Praxis mit Schwerpunkt Milchrind im Raum Rosenheim. Seit 2006 arbeitet sie auch als tiermedizinische Fachjournalistin. So hat sie für die VETimpulse die Nutztierthemen betreut und übernimmt diese Aufgabe auch bei wir-sind-tierarzt.de. Um nicht zum Mia-san-mia-Bayer zu mutieren, schaut sie intensiv über den Alpenrand hinaus, vorzugsweise ins englischsprachige Ausland. Kontakt: annegret.wagner(at)wir-sind-tierarzt.de
Web Design MymensinghPremium WordPress ThemesWeb Development

Wildtiere: Hilfe kann auch Leid bedeuten

9. März 20169. März 2016
Ein Faltblatt gibt Tipps zum Umgang mit Wildtieren. (©Landestierschutzbeauftragte Hessen / Erni/Fotolia.com)„Wildtiere brauchen in den aller seltensten Fällen menschliche Hilfe," sagt die Landestierschutzbeauftragte Hessen. Was tun kann, wer ein Wildtier findet – oder aber auch besser lassen sollte – erklärt ein Flyer, den Dr. Madeleine Martin zusammen mit der Landestierärztekammer Hessen herausgegeben hat. (mehr …)