Im Dezember 2014 gelesen

Heute gelesen – 30.12.2014 (jh)

Franzosen fürchten deutsche Fleischkeime? – correctiv.org

“Deutschlands Fleisch wird zu einem gesundheitlichen Problem für viele Europäer. Mit den exportierten Hühnern und Schweinen überschreiten auch multiresistente Bakterien die Ländergrenzen” – so lautet der Vorspann zur Geschichte: “Tödliche Keime: Made in Germany”. Und beides zeigt zugleich das Problem des Artikels: Die Autorin mischt Fakten(fragemente) aus einer Vielzahl seriöser und weniger seriöser human- und veterinärmedizinscher Quellen zu einer Story, die eine Botschaft belegen sollen: Deutschlands Tierhaltung ist die Keimschleuder Europas. Den Beweis dafür aber bleibt sie letztlich schuldig – obwohl es Untersuchungen über weltweite Verbreitungswege resistenter Keim gibt – etwa in England oder aus Indien. Die betreffen aber in der Regel Resistenzen aus der Humanmedizin. Die Story lohnt zu lesen, um zu erkennen, wie man Journalismus eben nicht betreiben sollte.

Schade um die correct!v-Idee

Eigentlich bin ich ein Fan der Idee, des Recherchebüros correct!v: Ein stiftungsfinanzierter und deshalb unabhängiger Journalismus recherchiert komplexe und komplizierte Themen ohne Zeit- und Refinanzierungsdruck und bereitet die Fakten und Daten dann frei verfügbar so auf, dass andere Medien (die weniger Kompetenzen und mehr Geldnot haben) daraus informative Stories entwickeln können – Recherchen für die Gesellschaft eben (correct!v-Slogan). Deshalb bin ich auch correct!v-Mitglied geworden und zahle einen monatlichen Beitrag. Die laufende MRSA-Recherche – ganz besonders aber dieser Artikel – enttäuscht mich bitter! Die Verlinkungen im Text zeigen, dass Quellen gesucht (aber in der Tiefe, dass die Deutsche-Keimschleuder-These sauber zu begründen wäre nicht gefunden) wurden. Dennoch hat die Autorin die Faktenfragmente genau so sprachlich zusammengemixt, wie es jede Tendenzpublikation nach einer google-Recherche auch macht, damit am Ende das vorgefasste (persönliche Meinungs-) Weltbild entsteht. Objektive Recherchen für die Gesellschaft sehen für mich definitiv anders aus.

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Heute gelesen – 29.12.2014 (jh)

Alle gegen die Massentierhaltung – FAZ

“Im Chor der Kritik singen alle mit, oft wohlfeil.” FAZ-Redakteur Jan Grossarth nähert sich dem Thema Massentierhaltung ganz pragmatisch: “Wer die Massentierhaltung abschaffen will, muss sagen, woher Fleisch, Milch, Eier, Leder und Daunen kommen sollen.” Und dann macht er sich nüchtern an eine Begriffsdefinition, beschreibt die landwirtschaftliche Wirklichkeit und den gesellschaftlichen Meinungsumschwung. Und er wagt sich sogar eine Antwort auf die Frage, was denn stattdessen sein kann.
Das alles in einer, für dies Thema untypisch unaufgeregten Manier, die eben nicht sofort die reflexehafte Abwehrhaltung vorgefasster Meinungsbilder auslöst. Das macht den Beitrag lesenswert.

Das magische Wort der Dämonisierung

Der Begriff Massentierhaltung per se sagt laut Grossarth wenig. Man könne ihn als nüchterne Beschreibung der Realität verstehen, aber auch als magisches Wort der Dämonisierung. Gemeint sei meist: die Haltung so vieler Tiere, dass das einzelne nicht wahrgenommen wird.
Die Wirklichkeit sei trotzdem unschön: “Sie ist hygienisch, effizient, modern, aber keine Freude. Sie wird den Bedürfnissen der Tiere oft nicht gerecht.”  Tierqualexzesse seien offensichtlich im System begründet,  Einzelfälle zwar, aber wiederkehrende.
Diese Tierhaltung habe sich Jahrzehnte unbeobachtet von einer Massenöffentlichkeit entwickelt. Und die fände die Bilder aus modernen Ställen nicht selten befremdlich, weil die Menschen mitfühlender geworden sind gegenüber Nutztieren. “Ihr Begriff von Artgerechtheit ist allerdings oft von Vermenschlichungen verzerrt.”
Wer A sagt, sollte fairerweise aber auch B sagen, fordert Grossarth. “Wer die Massentierhaltung abschaffen will, muss sagen, woher Fleisch, Milch, Eier, Leder und Daunen kommen sollen. (S)eine mögliche Antwort lautet: aus Massentierhaltung im Ausland. Eine andere: Es gibt diese Produkte dann eben nicht mehr günstig für die Masse.

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Heute gelesen – 19.12.2014 (jh)

Hilfe, wir leben immer länger – filetspitzen.de

Es geht uns doch (zu) gut: Vor 140 Jahren lebte ein Mann im Schnitt gerade mal 38 Jahre, heute (2011) doppelt so lange (78) und die im Jahr 2050 geborenen sollen im Schnitt gar 100 Jahre alt werden, prognostizieren die Statistiker. Im gleichen Jahr wird jeder zweite Deutsche über 60 Jahre alt sein. Wir Deutschen werden in den nächsten Dekaden ganz offensichtlich schneller älter als unser Sozialsystem „uns selbst“ verkraften kann.
Warum: Weil Infektionskrankheiten durch Impfungen fast verschwunden sind; weil die Hygiene sich dramatisch verbessert hat und weil Lebensmittel (insbesondere Trinkwasser) praktisch kaum noch Krankheiten übertragen; weil Gesundheitssystem und Nahrungsmittelverfügbarkeit schlicht gut sind – trotz aller gefühlten Skandale. Das schreibt der Lebensmittelchemiker Prof. Ulrich Nöhle auf seinem Blog filetspitzen.de unter Berufung auf Daten des Statistischen Bundesamtes. Der Blog wird zwar von der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie, also einem Lobbyverband herausgegeben. Interessant sind die Zahlen dennoch.

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Heute gelesen – 16.12.2014 (jh)

Dürfen Eltern den Tierarztbesuch verbieten – süddeutsche.de

Medien geben gern auch Lebensberatung. Diesmal: Der Hamster hat ein Geschwür, die Kinder wollen zum Tierarzt, doch den Eltern ist das zu teuer. Ist es also pädagogisch klug, den Besuch zu verbieten? Auf süddeutsche.de pocht Fernsehnanny Katia Saalfrank auf die “Verantwortung für ein Lebewesen”. Der Dänische Familientherapeut Jesper Juul sagt schlicht: Ja. Und die Kinderbuchautorin Kirsten Boie schaut auf die Familienkasse. Es bleibt eine interessante Fragegestellung.

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Heute gelesen – 15.12.2014 (jh)

Vorsicht Kuschelkeime – Spiegel Online

Für Tierärzte sind es keine neuen Informationen: Haustiere können Krankheiten übertragen. Hautpilz, Toxoplasmosen und Salmonellen (die insbesondere durch Reptilien), nennt Spiegel online. Und auch, dass beispielsweise Hund und Katze als Reservoir Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA) dienen können. Interessanter ist der Aufhänger: Berichten Medien über die Vogelgrippe, setzen Menschen ihre Kanarienvögel aus, berichtet SpOn. Das beleuchtet einmal mehr, die Irrationalität, mit der hierzulande viele Tierhaltungsfragen “bedacht” werden.

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Heute gelesen – 9.12.2014 (jh)

Impfgegner: Meinung schlägt Argument – süddeutsche.de

Die Medizin ist ein fruchtbares Feld, auf dem Irrtümer besonders gut gedeihen. Wie sie entstehen und warum sie hartnäckig verteidigt werden, beschreibt südeutsche.de am Beispiel von Impfungen. Fehlinformationen kann man zwar am besten durch direkten fachlichen Hinweis auf einen Fehler korrigieren. Dies erzeugt mehr Einsicht als etwa die pauschale Warnung vor Gefahren – doch die Impfbereitschaft steigt danach nicht, denn der Artikel zeigt auch: Wenn ein Argument wegfällt, dann begründen Skeptiker ihre Haltung eben mit einem anderen Punkt. Wer eine feste Meinung hat, bleibt dabei – und sucht sich einfach neue Argumente.
Dieses wenig schmeichelhafte, aber festgefügte Denkmuster findet sich auch in der Tiermedizin häufig, findet wir-sind-tierarzt.de. 

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Heute gelesen – 7.12.2014 (jh)

Tiertransporte: Das Versagen der Behörden – Kleine Zeitung (Kärnten)

„Anspruch und Wirklichkeit bei Tiertransporten“ – so heißt der Titel eines Buches, das der österreichische Tierarzt Alexander Rabitsch über die EU-Tiertransportgesetzgebung geschrieben hat.
Die Kleine Zeitung aus Wien stellt das Buch vor und beschreibt einen der Auswüchse: 1.750 Rinder wurden per LKW nach Litauen transportiert, zum Teil über 800 Kilometer, um dort auf ein Schiff verladen zu werden und dann nach einer 18-tägigen Reise um Westeuropa und durch das Mittelmeer in Beirut anzulanden: zur Schlachtung. Artikel 3 der EU-Tiertransportverordnung schreibt vor, die Beförderungsdauer so kurz wie möglich zu halten (ab Hafen Triest wären es fünf Tage gewesen). Doch sechs verschiedene Veterinärbehörden hätten diesen gesetzeswidrigen Transportumweg bewilligt.

Rabitsch war 14 Jahre lang Tiertransport-Kontrollor in Kärnten, beauftragt vom Land. Mit der Zeit mieden internationale Transporte Kärnten, weil er schonungslos den Missständen auf der Spur war, schreibt die Kleine Zeitung. Sein Vertrag wurde 2012 nicht mehr verlängert. Jetzt berät er im EU-Auftrag Länder bei der Erstellung von Kontrollplänen. Rabitsch hinterfragt in seinem Buch auch, ob die Behörden allen Exportwünschen der Wirtschaft immer nachgeben sollten – zum Beispiel beim Export von lebenden Rindern in die Türkei, damit diese dort betäubungslos geschächtet werden können.

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Heute gesehen – 6.12.204 (jh)

Die Milch-Macht Deutschland – Spiegel Online-Video

In einer Animation erklärt Spiegel Online die Produktionsveränderungen auf dem deutschen Milchmarkt: Mit weniger Kühen und mehr Milch zum größten Exporteuer Europas.

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Heute gelesen – 5.12.1014 (jh)

Politiker mit Tierarzt-Nebenjob – Donaukurier

Teilzeit mal anders herum: Tierarzt Dr. Rubert Ebner, neuer Grüner Umwelt- und Gesundheitsreferent in Ingolstadt und als solcher ein “politischer Beamter”, darf weiter in einer Tierarztpraxis arbeiten. Aber nur acht Stunden die Woche.
Der Donaukurier berichtet welche Regeln für eine solche Nebentätigkeit gelten. Und auch, dass die Freien Wähler dagegen sind, denn: Dem städtischen Umweltreferenten untersteht auch das Gesundheitsamt und damit das Veterinärwesen. Deshalb seien Interessenkonflikte nicht völlig auszuschließen.

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Heute gelesen – 4.12.2014 (jh)

Indien: Ein Tsunami antibiotischer Resistenzen – New York Times

58.000 Neugeborene sterben in Indien jährlich an Infektionen, weil sie multiresistente Superkeime tragen. Vor fünf Jahren haben wir dies Art Infektion praktisch noch nicht gesehen, berichtet Dr. Neelam Kler, Chefin der Neonatology an Neu Delhis’s Sir Ganga Ram Hospital, einer der prestigträchtigsten Privatkliniken Indiens. Es sei verrückt, heute hätten fast 100 Prozent der Kinder mit multiresistenten Infektionen zu kämpfen.
Das Problem werde sich nicht auf Indien begrenzen lassen, sagen Wissenschaftler. Die schlechten sanitären Verhältnisse und der völlig unkontrollierte Antibiotikaeinsatz sowie ein komplett fehlendes Monitoring habe einen “Tsunami antimikrobieller Resistenzen” erzeugt, der jedes Land der Welt erreichen werde, berichtet die New York Times. Und tatsächlich verbreiten die Resistenzen sich bereits. Wissenschaftler fanden den erstmals in Indien nachgewiesenen genetischen Resistenz-Code NDM1 (New Delhi metallo-beta lactamase 1) rund um die Welt, inklusive Frankreich, Japan, Oman und den USA.

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Heute gelesen: November 2014

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Redaktion wir-sind-tierarzt.de

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Wildtiere: Hilfe kann auch Leid bedeuten

9. März 20169. März 2016
Ein Faltblatt gibt Tipps zum Umgang mit Wildtieren. (©Landestierschutzbeauftragte Hessen / Erni/Fotolia.com)„Wildtiere brauchen in den aller seltensten Fällen menschliche Hilfe," sagt die Landestierschutzbeauftragte Hessen. Was tun kann, wer ein Wildtier findet – oder aber auch besser lassen sollte – erklärt ein Flyer, den Dr. Madeleine Martin zusammen mit der Landestierärztekammer Hessen herausgegeben hat. (mehr …)