Geflügelschlachtung: Betäubte von bereits toten Tieren unterscheiden

Elektrobetäubung im Wasserbad ist bei der Geflügelschlachtung weitestgehend üblich.

Möglichst stressfreie Betäubung vor der Schlachtung wird immer mehr zum Tierschutzthema. Bei Hühnern gilt eine Betäubung mit CO2 schon im Transportkäfig als Alternative. Doch wie kann man dann betäubte und auf dem Transport verstorbene Tiere unterscheiden?

(aw) – Überwiegend werden Hühner in großen Schlachtanlagen elektrisch durch Eintauchen in ein Wasserbad betäubt. Diese Form der Elektrobetäubung gilt als sicher. Aber: Sie bedeutet für die Tiere viel Stress, da sie zuerst eingefangen und dann kopfüber an den Füßen aufgehängt werden müssen, bevor das Transportband ihre Köpfe in das stromführende Wasserbad eintaucht.
Eine andere Methode, die unter anderem in Kanada erprobt wird, arbeitet mit einer CO2-Begasung der Hühner in den Transportkäfigen. Die Tiere sind also bereits betäubt, wenn sie an die Schlachthaken gehängt werden. Dies bedeutet weniger Stress für das Personal und vermutlich auch für die Hühner.
Allerdings gibt es einen entscheidenden Nachteil: Da sich alle Tiere nicht mehr bewegen, ist es schwierig zu erkennen, welche Hühner frisch betäubt und welche bereits auf dem Transport gestorben sind (= dead-on-arrival, DOA). Diese werden verworfen.

Auf dem Transport gestorbene Tiere erkennen

Gesucht ist also eine praktikable Methode, mit der Arbeiter, wenn sie die betäubten Hühner aus den Transportboxen entnehmen, zwischen bereits toten und frisch betäubten Tieren unterscheiden können. Rachel Ouckama (Maple Lodge Farms Ltd.) und zwei Professorinnen der University of Guelph (Michele Guerin, Marina Brash) haben zwei mögliche Unterscheidungskriterien gefunden:

  • Die Flügelhaltung
  • und die unterschiedliche Beweglichkeit der Beine im Bereich des Sprunggelenks.

Bereits fünf Minuten nach dem Tod sind Hühner aufgrund der Totenstarre nicht mehr so beweglich wie lebende, betäubte Tiere. Im Bereich der Sprunggelenke bedeutet das, dass die Beine nicht mehr so leicht gestreckt und gebeugt werden können, sobald die Hühner mehrere Minuten tot sind.

Flügelhaltung und Totenstarre

Die Wissenschaftlerinnen haben ein Gerät entwickelt, mit dem sie die Kraftaufwendung simulieren können, die bei lebenden beziehungsweisen toten Tiere nötig ist, um die Beine zu strecken oder zu beugen. Die Bewegung der Hühnerbeine wird in g-Kraft (Kraft pro Masse) angegeben, weil im Prinzip eine Beschleunigungsbewegung ausgeübt wird.

  • 120 gf (gram force) entspricht etwa dem Kraftaufwand zur Bewegung von Sprunggelenken bei betäubten aber lebenden  Tieren.
  • Bei toten Hühner steigt der Kraftaufwand, der zur Bewegung nötig ist und ab etwa 300 gf waren die Arbeiter zu 100 Prozent in der Lage, diesen höheren Kraftaufwand zu bemerken.
    Je nach Schnelligkeit des Eintritts der Totenstarre ist dieses Stadium bereits nach fünf Minuten erreicht. In der Studie konnten die Arbeiter aufgrund der Steifheit der Hinterbeine alle Hühner, die länger als 21 Minuten tot waren sicher identifizieren.

Aufgrund der mehr oder weniger fortgeschrittenen Totenstarre bleiben außerdem die Flügel von bereits toten Tieren meistens am Körper während sie bei betäubten Hühnern beim Aufhängen für die Entblutung locker nach unten fallen.

Die Wissenschaftlerinnen kommen zu dem Ergebnis, dass gut geschultes Personal beim Entnehmen der betäubten Hühner aus ihren Käfigen aufgrund der Beweglichkeit der Beine bereits sehr sicher einschätzen kann, ob ein Huhn lediglich betäubt oder bereits gestorben ist. Eine weitere Beurteilung ist beim anschließenden Aufhängen der Hühner anhand der Flügelhaltung möglich.

Quellen:
Journal of Applied Poultry Research: Teil 1 – Identifying dead-on-arrivals (DOA): Indikatoren
Journal of Applied Poultry Research: Teil 2 – Identifying dead-on-arrivals (DOA): Praktikabilität der “Kräftemessung” 

Teilen
Über den Autor

Annegret Wagner

Dr. Annegret Wagner (aw) hat in Gießen Tiermedizin studiert und arbeitet seit 1991 in der Großtierpraxis; seit 2005 niedergelassen in eigener Praxis mit Schwerpunkt Milchrind im Raum Rosenheim. Seit 2006 arbeitet sie auch als tiermedizinische Fachjournalistin. So hat sie für die VETimpulse die Nutztierthemen betreut und übernimmt diese Aufgabe auch bei wir-sind-tierarzt.de. Um nicht zum Mia-san-mia-Bayer zu mutieren, schaut sie intensiv über den Alpenrand hinaus, vorzugsweise ins englischsprachige Ausland. Kontakt: annegret.wagner(at)wir-sind-tierarzt.de
Web Design MymensinghPremium WordPress ThemesWeb Development

Wildtiere: Hilfe kann auch Leid bedeuten

9. März 20169. März 2016
Ein Faltblatt gibt Tipps zum Umgang mit Wildtieren. (©Landestierschutzbeauftragte Hessen / Erni/Fotolia.com)„Wildtiere brauchen in den aller seltensten Fällen menschliche Hilfe," sagt die Landestierschutzbeauftragte Hessen. Was tun kann, wer ein Wildtier findet – oder aber auch besser lassen sollte – erklärt ein Flyer, den Dr. Madeleine Martin zusammen mit der Landestierärztekammer Hessen herausgegeben hat. (mehr …)