Antibiotika-Therapiehäufigkeit: Kennzahl bei Masthühnern steigt erneut

Vierter Anstieg in Folge: Bei Masthühnern steigt die Antibiotika-Therapiehäufigkeit im 2. Halbjahr 2017 erneut etwas an. (Diagramm: © WiSiTiA/jh – Zahlen: BVL)

Die zum siebten mal vorgelegten bundesweiten Kennzahlen zur Antibiotika-Therapiehäufigkeit bei Masttieren zeigen ein gespaltenes Bild. Im zweiten Halbjahr bestätigt sich beim Schwein eine “Bodenbildung”. Bei Masthühnern und auch bei Puten steigen die Werte aber erneut an. Eine grafische und tabellarische Aufbereitung der Zahlen.

(jh) – Seit dem 2. Halbjahr 2014 wird die Antibiotika-Therapiehäufigkeit bei Masttieren staatlich erfasst. Die aktuellen Kennzahlen für das 2. Halbjahr 2017 – den siebten Erfassungszeitraum – bestätigen die Trends der letzten Erhebungen: Eine Bodenbildung beim Schwein, aber auch eine Gegenbewegung mit steigenden Kennzahlen beim Geflügel (siehe Grafiken).
Die Kennzahl 1 (Median) gibt dabei die Grenze an, unter der 50 Prozent aller Therapiehäufigkeiten liegen.
Die Kennzahl 2 (3. Quartil) ist die Grenze über der die 25 Prozent der Betriebe liegen, die relativ am meisten verbraucht haben. Diese müssen Maßnahmen zur Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes ergreifen (siehe auch letzter Absatz).

Nach Tierarten gespaltenes Bild

  • Bei Mastschweinen hat sich die Therapiehäufigkeit eingependelt und einen Boden gebildet.
  • Bei Ferkeln (bis 30 kg) gibt es für die Kennzahl 2 weiter einen leichten Rückgang.
  • Beim Masthühnchen aber steigen die Zahlen bereits zum vierten Mal nacheinander – und liegen so bereits wieder leicht über dem Niveau des zweiten Erfassungszeitraums (1. Halbjahr 2015).
  • Auch bei den Puten gibt es einen zweiten leichten Anstieg in Folge. Hier ist das Niveau des 1. Halbjahres 2016 wieder erreicht – Anzeichen für eine ähnliche Entwicklung, wie bei den Masthühnern?

Masthühner: Vierter Anstieg in Folge

Vierter Anstieg in Folge: Die Antibiotika-Therapiehäufigkeit steigt auch im 2. Halbjahr 2017 wieder etwas an. (Diagramm: © WiSiTiA/jh – Zahlen: BVL)

Puten: Trendwechsel?

Bodenbildung oder bereits ein Trendwechsel zum leichten Anstieg? Die Antibiotika-Therapiehäufigkeit bei Puten steigt zum zweiten mal. (Diagramm: © WiSiTiA/jh – Zahlen: BVL)

Mastschweine: Bodenbildung

Bodenbildung – bei Mastschweinen hat sich die Antibiotika-Therapiehäufigkeit eingependelt. (Diagramm: © WiSiTiA/jh – Zahlen: BVL)

Ferkel (bis 30 kg): Weiter leichter Rückgang

Kennzahl 2 sinkt weiter – bei Ferkeln zeigt die Entwicklung weiter leicht nach unten. (Diagramm: © WiSiTiA/jh – Zahlen: BVL)

Staatliche und privatwirtschaftliche Zahlen: Gleicher Trend

Das privatwirtschaftliche QS-Antibiotikamonitoring erfasst bereits seit 2012 einen vergleichbar berechneten Antibiotika-Therapieindex – allerdings deutlich detaillierter: Bei QS gibt es keine Tierzahluntergenzen; alle Betriebe, die ins QS-System liefern, müssen ihren Antibiotikaeinsatz melden. Die Daten werden außerdem quartalsweise und nicht halbjährlich erfasst.
Die folgenden Tabellen stellen die QS-Daten (halbjahresweise gemittelt) den staatlichen Zahlen gegenüber. Die Entwicklungstrends mit steigenden Zahlen bei Masthühern und Puten sind identisch.
Auffällig bei den QS-Zahlen ist der deutliche Anstieg bei den im staatlichen System nicht erfassten Saugferkeln. Experten sehen hier eine mögliche Verschiebung von Antibiotikabehandlungen aus dem Ferkelaufzuchtbereich in die Saugferkelerzeugung.
Die QS-Zahlen zeigen, dass ein staatliches Monitoring des Antibiotikaeinsatzes alle Nutztierbereiche (auch Rinder/Milchkühe) und nicht nur die Schweine/Geflügelmast erfassen sollte.

Kennzahl 2 / 3. Quartil: Gegenüberstellung der staatlich (BVL/HIT) und privatwirtschaftlich erfassten Kennzahlen (Tabelle: © QS-System)

Kennzahl 1 / Median: Gegenüberstellung der staatlich (BVL/HIT) und privatwirtschaftlich erfassten Kennzahlen (Tabelle: © QS-System)

Grenze erreicht?

Dass das Monitoring mit seinem Benchmarksystem nach deutlichen Anfangsreduzierungen an seine Grenzen stoßen wird, hatten Experten erwartet. Nachdem die Kennzahl 2 – die die sogenannten “Vielverbraucher” erfasst – anfangs stark gesunken war und sich der Kennzahl 1 deutlich angenähert hatte, verlaufen die Graphen beider Kennzahlen jetzt bei allen Masttieren fast parallel.
Das ist ein Indikator dafür, dass das Ziel, diese “Vielverbraucher” zu identifzieren und dort den Antibiotikaeinsatz zu senken, weitestgehend erreicht ist.
Jetzt aber kristallisiert sich ein „Korridor“ für den Antibiotikaeinsatz heraus. Warum dieser bei Geflügel insgesamt wieder eine steigende Tendenz hat, ist zu klären.

Absolute Antibiotikamenge sinkt weiter

Die Kennzahlen zur Therapiehäufigkeit (Details und wie man sie liest: siehe letzter Absatz) sind eines von zwei Antibiotika-Erfassungssystemen in der Tiermedizin. Das andere sind die sogenannten DIMDI-Daten: Hier erfasst der Staat seit 2011 die an Tierärzte insgesamt für alle Tierarten abgegebene absolute Antibiotikamenge (in Tonnen). Die letzte staatliche Auswertung stammt aus 2016 (siehe auch Tabelle unten).
Die Gesamtmenge ist um über 50 Prozent oder 964 Tonnen gesunken – von 1.706 Tonnen  im Jahr 2011 auf 742 Tonnen im Jahr 2016 (mehr dazu hier).

Das privatwirtschaftliche QS-Antibiotikamonitoring weist ergänzend seit 2014 die anteilige Antibiotikamenge für die besonderes in der Kritik stehenden Nutztierarten (Schwein / Geflügel – “blaue” Werte in der Tabelle) aus. Hier gingen die absoluten Mengen auch 2017 zurück.

Die rot hervorgehobenen Zeilen enthalten die Mengen der für die Humanmedizin “kritischen Antibiotika”. Die QS-Zahlen zeigen, dass deren Einsatz in der Geflügel- und Schweinemast geringer ist, als es die öffentliche Debatte suggeriert. Insbesondere die Fluorchinolone wurden dabei deutlich reduziert.
Ähnlich hervorgehoben werden müssen künftig noch die Polypeptid-Antibiotika (Colistin – 4. Zeile von unten), da die Weltgesundheitsorganisation sie als “Reserveantibiotika” eingestuft hat.

Die absolute Antibiotikamenge sinkt weiter – Zahlen der staatlichen Erfassung (grau) und privatwirtschaftlichen QS-Systems (blau). Die “kritischen” Antibiotika sind rot markiert. (Tabelle: © QS-System/bpt-Antibiotika-Fachforum 2/2018)

Antibiotika-Minimierung erfolgreich?

Ist das staatliche Antibiotikaminimierungskonzept in der Nutztierhaltung erfolgreich? Dazu muss – so steht es im Arzneimittelgesetz – bis April 2019 ein Bericht vorliegen. An dem arbeiten die Behörden bereits in diesem Jahr.

Mehr dazu: Evaluation des staatlichen Antibiotikamonitorings: Wie geht das BMEL vor

Amtstierärzte und Praktiker machten zuletzt beim bpt-Fachforum Antibiotika im Februar in Berlin darauf aufmerksam, dass es primär nicht allein um die Antibiotikamengen gehe, sondern um die entscheidende Frage:

  • Wie haben sich die Antibiotikaresistenzen bei Bakterien entwickelt, die von den betreffenden Tierarten und Nutzungsrichtungen stammen?

Bei der anstehenden praxisnahen Weiterentwicklung des Monitoringkonzeptes müsse der politische Fokus deshalb auf weiterführenden Maßnahmen liegen: Bessere Infektionsprävention, bessere Diagnostik, bessere Haltungsbedingungen – dokumentiert in einer praxisnahen Tiergesundheitsdatenbank (Schlachthofbefunde, Mortalitätsraten).
Doch vor 2022 wird weder die Evaluation noch die Kritik der Tierärzte zu einer Änderung des aktuellen Antibiotikamonitorings führen.

Zeithorizont des Gesetzesgebers für mögliche Änderungen am staatlichen Antibiotikamonitoringskonzept. (Folie: © BMEL)

Quellen:
Kennzahlen 2. Halbjahr 2017 – BVL-Webseite oder (PDF-Download)
Alle Kennzahlen nach Masttierarten – BMEL-Webseite (Tabellen)
QS-Tabellen: Gegenüberstellung QS-Kennzahlen und BVL-Kennzahlen bis 2. Halbjahr 2017 (PDF-Download)

Hintergrund:
Wie liest man die Therapiehäufigkeitskennzahlen?

Landwirte, die Masttiere (Rind, Schwein, Hähnchen, Puten) halten, müssen ab einer bestimmten Bestandsgröße halbjährlich folgende Angaben in eine staatliche Datenbank eintragen:

  • die Bezeichnung der angewendeten Antibiotika,
  • die Anzahl und Art der gehaltenen und behandelten Masttiere,
  • die Anzahl der Behandlungstage
  • die insgesamt angewendete Menge von Antibiotika.

Daraus errechnen die Behörden über eine Formel (Beispiel hier) die Kennzahlen für die individuelle Therapiehäufigkeit im Betrieb sowie eine bundesweite Kennzahl – jeweils für die einzelnen Masttierarten:

  • Die Kennzahl 1 (Median) gibt die Grenze an, unter der 50 Prozent aller Therapiehäufigkeiten liegen.
  • Die Kennzahl 2 (3. Quartil) ist die Grenze über der die 25 Prozent der Betriebe liegen, die relativ am meisten verbraucht haben. Diese müssen Maßnahmen zur Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes ergreifen (siehe unten).

Die Kennzahlen selbst sind rein mathematische Werte. Sie sind auch nicht festgelegt, sondern errechnen sich dynamisch aus den jeweils aktuellen Angaben der Tierhalter.
Über die Kennzahl können die Nutztierhalter ihren Antibiotikaeinatz im Vergleich zu anderen Betrieben gleicher Nutzungsart einordnen (Benchmarking).
Aus den Zahlen lassen sich aber keine Aussagen über die durchschnittliche Anzahl der Behandlungstage pro Tier und Halbjahr ableiten. Auch erlauben sie keinen Vergleich der Anwendungshäufigkeit zwischen den einzelnen Tier- und Nutzungsarten.
Die absoluten Antibiotikamengen werden über eine andere Datenerhebung erfasst. Die Menge ist um über 50 Prozent oder 964 Tonnen gesunken – von 1.706 Tonnen im Jahr 2011 auf 742 Tonnen im Jahr 2016.

Was müssen die Tierhalter tun?

Jedem Masttierhalter wurde bereits vorab seine betriebsindividuelle Therapiehäufigkeit mitgeteilt. Diese muss er nun mit den bundesweiten Kennzahlen vergleichen.

  • Liegt seine Kennzahl über der Kennzahl 2 muss er mit seinem Tierarzt einen schriftlichen Maßnahmenplan zur Senkung des Antibiotikaeinsatzes erarbeiten und diesen der zuständigen Überwachungsbehörde vorlegen.
  • Liegt seine Kennzahl über der Kennzahl 1 aber noch unter der Kennzahl 2, muss der Tierhalter zusammen mit seinem Tierarzt die Ursachen dafür ermitteln und gegebenfalls Maßnahmen ergreifen, die zur Reduzierung der Antibiotikaverwendung führen.
  • Alle Betriebe, die unter der Kennzahl 1 liegen (das sind 50 Prozent) müssen nichts weiter unternehmen.
Teilen
Über den Autor

Jörg Held

Jörg Held (jh) ist Journalist, Kommunikationswirt und Redaktionsberater mit 30 Jahren Berufserfahrung. Seit 2007 auch im Bereich Tiermedizin unterwegs, davon 5 Jahre als Redaktionsleiter der VETimpulse. Auch bei wir-sind-tierarzt.de leitet er die Redaktion und ist schwerpunktmäßig für berufspolitische Themen und die Nachrichten verantwortlich. Kontakt: joerg.held(at)wir-sind-tierarzt.de
Web Design MymensinghPremium WordPress ThemesWeb Development

Wildtiere: Hilfe kann auch Leid bedeuten

9. März 20169. März 2016
Ein Faltblatt gibt Tipps zum Umgang mit Wildtieren. (©Landestierschutzbeauftragte Hessen / Erni/Fotolia.com)„Wildtiere brauchen in den aller seltensten Fällen menschliche Hilfe," sagt die Landestierschutzbeauftragte Hessen. Was tun kann, wer ein Wildtier findet – oder aber auch besser lassen sollte – erklärt ein Flyer, den Dr. Madeleine Martin zusammen mit der Landestierärztekammer Hessen herausgegeben hat. (mehr …)