Schweiz: “Teilzeitlücke” schafft Nachwuchsorgen bei Tierärzten

Idylle war gestern – die Teilzeitlücke und die Abkehr von Nutztieren verändern die Schweizer Tierärztebranche. (Foto: © pixabay/Juncala)

Wie arbeiteten Tierärzte vor 30 Jahren und wie heute? Der Schweizer Tierärzteverband hat dazu Daten vorgelegt: Teilzeitarbeit hat sich mehr als verfünffacht, der Anteil der Selbständigen sich dagegen fast gedrittelt. Und: Kleintiere haben Nutztiere als häufigste Ausrichtung klar abgelöst. Die Teilzeitdynamik schafft Nachwuchssorgen.

von Jörg Held

Wie sich der Tierarztberuf verändert, darüber wird viel diskutiert und oft auch ein wenig spekuliert. Die Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST) hat jetzt harte Daten zusammengetragen und die Entwicklung der letzten 30 Jahre ausgewertet. Der Fokus lag auf dem Vergleich der 30 bis 40jährigen, denn in dieser Zeitspanne fallen die (meisten) Entscheidungen für den beruflichen Lebensweg.
Drei klare Entwicklungen zeigt der Datenvergleich der sogenannten “Laufbahnstudie” über drei Jahrzehnte:

  • Frauenanteil jetzt bei 75 Prozent
    Vor 30 Jahren war lediglich rund ein Fünftel der 35-jährigen Tierärzteschaft weiblich. Heute stellen Frauen in dieser Altersgruppe mit gut drei Vierteln die klare Mehrheit.
  • Mehr als die Hälfte arbeiten Teilzeit
    Parallel hat sich der “Beschäftigungsgrad” stark verändert: Mitte der 1980er Jahre gab es praktisch noch keine Teilzeitarbeit (8%). Heute arbeitet schon mehr als die Hälfte der Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte in diesem Alter nicht mehr Vollzeit.
    Zwischen Männern und Frauen ist der Unterschied dabei enorm:
    Im Alter von 30 Jahren arbeiten 95 Prozent der Männer Vollzeit, bei den Frauen sind es noch 69 Prozent. Doch die Hälfte der Tierärztinnen wechselt dann bis zum Alter von 40 Jahren in eine Teilzeitanstellung. Bei den Männern wechselt nur ein sehr kleiner Anteil zwischen 30 und 40.
    “Familiäre Gründe” bilden mit Abstand das wichtigste Motiv für den Wechsel von einer Voll- zu einer Teilzeitbeschäftigung. Gefolgt vom Wunsch nach «Mehr Zeit für persönliche Interessen».
  • Nur noch ein knappes Fünftel der Tierärzte ist selbständig
    Dazu passt dann eine dritte Entwicklung, die aber eine relative ist: Waren vor 30 Jahren in der Schweiz über 60 Prozent der 35-jährigen Tierärzte selbständig, so sind es heute nur noch 22 Prozent  Der Rest arbeitet als Angestellte. Die Verhältnis(!) der Praxisinhaber hat sich also fast gedrittelt – absolut gesehen ist die Zahl der Selbständigen aber in etwa gleich geblieben.(*)

Beachtliche Verschiebung: Immer mehr Tierärztinnen wechseln in Teilzeit. Diese “Teilzeitlücke” sorgt für ein Nachwuchsproblem in der Schweiz. (Grafik: © “Schweizer Laufbahnstudie” GST/BASS)

Teilzeitdynamik schafft Nachwuchssorgen

Diese Teilzeitdynamik stellt die Tierärztebranche vor große organisatorische Herausforderungen, sagt der Schweizer Verband: Es fehlten schlicht Tierärztinnen und Tierärzte, welche die Teilzeitlücken schliessen. Aufgrund der Zulassungsbeschränkung beim Studium sei nämlich die Anzahl Studienabgänger seit Jahren ungefähr gleich.

Kleintiere verdrängen Nutztiere

Klarer Trend: Weg von Nutztieren/Gemischtpraxen hin zu Kleintieren. (Grafik: © “Schweizer Laufbahnstudie” GST/BASS)

Auch bei den “Tierarten” ist eine klare Entwicklung zu erkennen: Nur noch ein Viertel der Schweizer Praktiker* arbeitet mit Nutztieren, dafür kümmert sich über die Hälfte inzwischen um Kleintiere. Die größte Verschiebung war hier aber schon vor etwa zehn Jahren abgeschlossen:

  • Mitte der 1980er Jahre arbeiteten noch rund die Hälfte der 35-jährigen praktizierenden Tierärztinnen und Tierärzte im Nutztierbereich;
  • ein Viertel in einer Gemischtpraxis (je 50% Nutz- und Kleintiere)
  • und nur gut ein Fünftel ausschliesslich mit Kleintieren.

Mitte der 2000er Jahre sah die Lage dann so aus:

  • Nur noch rund ein Viertel der 35-jährigen Tierärztinnen und Tierärzte war ausschliesslich im Nutztierbereich tätig,
  • dafür über 50 Prozent im Kleintierbereich.

Die Zahlen sagen aber auch, dass dieser Trend sich in den letzten zehn Jahren nicht mit gleicher Dynamik fortgesetzt hat und sogar gestoppt scheint (leichter Anstieg bei Nutztieren).
Auffallend ist auch die Veränderung bei den Pferden: Vom Fünf-Prozentanteil vor 30 Jahren gab es über zwei Jahrzehnte sogar einen Rückgang (auf 3%) bevor aktuell der Anteil der Pferdepraktiker auf neun Prozent deutlich gestiegen ist. 

*Für diese Zahlen wurden nur Tierärzte befragt, die praxisnah arbeiten: Mitarbeitende in Praxen, Kliniken sowie Beratungsdiensten.

Tierärzte bleiben der Praxis (häufig) treu

Interessant an den Schweizer Zahlen ist: Wer mit 30 Jahren seinen “Platz in der Tiermedizin” gefunden hat, bleibt ihm meist treu. Die Schweizer haben nämlich auch abgefragt, wann eine Tierärztin/ein Tierarzt die «Berufliche Tätigkeit», die «Tierart/Praxisausrichtung» oder den «Beschäftigungsgrad» gewechselt hat und wieso? Dabei kann davon ausgegangen werden, dass die meisten Wechsel im Alter zwischen 30 und 40 erfolgen.

“Treu” sind insbesondere Tierärztinnen und Tierärzte, die in einer Praxis oder Klinik arbeiten:

  • Von den absolut 65 Prozent der Befragten, die mit 30 in einer Praxis oder Klinik gearbeitet haben, tun dies 86 Prozent auch noch mit 40 Jahren.
  • Etwa acht Prozent wechseln in dieser Zeit in die Verwaltung oder Industrie.
  • Ein Wechsel in andere Kategorien betrifft Einzelfälle.

Einmal Praxis, immer Praxis? In der Schweiz ist die Fluktuation aus der Praxis in andere tierärztliche Berufsfelder recht gering (8 Prozent). (Grafik: © “Schweizer Laufbahnstudie” GST/BASS)

Diese “Treue” gilt auch für die Tierart:

  • Wer mit 30 mit Kleintieren gearbeitet hat, tut dies mit einer Wahrscheinlichkeit von 97 Prozent auch noch mit 40 Jahren.
  • Bei Pferden liegt die Verbleibquote bei 72 Prozent.
  • Etwas wechselfreudiger sind die 38 Prozent der Tierärzteschaft, die mit 30 Jahren hauptsächlich mit Nutztieren gearbeitet haben. Von ihnen wechseln neun Prozent in Gemischtpraxen und weitere acht Prozent in den Bereich Kleintiere.
  • Aus den Gemischtpraxen wechselt zudem ein Fünftel zwischen 30 und 40 zu einer reinen Kleintierausrichtung.

Die Klare Botschaft: Wenn es während der Laufbahn zu einem Wechsel der Tierart kommt, so ist eine Bewegung weg von der reinen Nutztierausrichtung zu erkennen.

Tierärzte bleiben ihrer “Tierart” treu – der größte Wechsel erfolgt weg von Nutztieren/Gemischtpraxen hin zu Kleintieren. (Grafik: © “Schweizer Laufbahnstudie” GST/BASS)

Praxis, Industrie, Öffentlicher Dienst – keine große Veränderung

Keine signifikanten Veränderungen zeigen die Schweizer Zahlen bei der Verteilung der beruflichen Tätigkeit zwischen Praxis, Industrie und öffentlichem Dienst. Tendenziell nehmen “Spezialisten” zu (2% vor 30 Jahren vs. 9% heute) und der Anteil der Tierärzte im öffentlichen Dienst steigt etwas (von 4% vor 30 Jahren auf 8% heute). Umgekehrt ist der Anteil derjenigen, die in der Praxis oder Klinik tätig sind, nur wenig gesunken.

Keine großen “Verschiebungen” zwischen Praxis, Industrie und öffentlichem Dienst. (Grafik: © “Schweizer Laufbahnstudie” GST/BASS)

Großer Wechselwille in der Forschung?

Dass Tierärztinnen und Tierärzte, die mit 30 in der Lehre oder Forschung angestellt waren, in der fraglichen Zeitspanne am häufigsten wechseln (23%), lässt sich wohl damit erklären, dass viele an als Doktoranden oder in/an anderen Qualifizierungen/Spezialisierungen gearbeitet haben. Knapp ein Drittel von ihnen ist mit 40 dann in einer Praxis oder Klinik tätig, knapp ein Fünftel wechselt bis 40 in die Verwaltung oder Industrie. 42 Prozent sind mit 40 nach wie vor in der Lehre und Forschung tätig.

Junge Generation wechselt schneller

Insgesamt gilt, wenn man die Wechselwilligkeit von früher und heute vergleicht: Die jüngeren Generationen scheinen ihre berufliche Tätigkeit etwas häufiger zu wechseln als dies noch bei älteren Generationen der Fall gewesen ist. Nach Geschlecht zeigen die Schweizer Zahlen nur sehr kleine Unterschiede.

Warum wird das Tätigkeitsfeld gewechselt?

Blickt man auf die Motive, so zeigt sich, dass am häufigsten aufgrund einer «interessanteren Tätigkeit» gewechselt wird. Andere Motive wie Karrieregedanken, Arbeitszeitbelastung, bessere Entlohnung scheinen dagegen weniger wichtig. Demnach werden tierärztliche Laufbahnen nicht zuletzt durch die «inhaltliche Attraktivität» oder die «Faszination für ein Gebiet» beeinflusst.

Quellen:
Pressemeldung des Verbandes Schweizer Tierärzte (12.10.2017)
Übersichtartikel zu den Ergebnissen der “GST Laufbahnstudie” (aus Schweizer Archiv für Tierheilkunde 10/2017)

(*)Absatz überarbeitet: In der Ursprungsversion stand, die Zahl der Praxen habe sich gedrittelt. Dies ist nicht der Fall.

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Über den Autor

Jörg Held

Jörg Held (jh) ist Journalist, Kommunikationswirt und Redaktionsberater mit 30 Jahren Berufserfahrung. Seit 2007 auch im Bereich Tiermedizin unterwegs, davon 5 Jahre als Redaktionsleiter der VETimpulse. Auch bei wir-sind-tierarzt.de leitet er die Redaktion und ist schwerpunktmäßig für berufspolitische Themen und die Nachrichten verantwortlich. Kontakt: joerg.held(at)wir-sind-tierarzt.de
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