Dringend Zeit für einen Strategiewechsel – Kommentar zur Antibiotikareduzierungsdebatte

Die Tiermedizin hat ihren Antibiotikaeinsatz sehr schnell sehr deutlich reduziert: Minus 56,5 Prozent oder 964 Tonnen weniger in sechs Jahren. Auch das Ziel, Vielverbraucher zu identifizieren und dort Veränderungen herbeizuführen, wurde erreicht. Jetzt aber kristallisiert sich ein “Korridor” für den Antibiotikaeinsatz heraus. wir-sind-tierarzt findet deshalb: Es ist Zeit für einen Strategiewechsel, weg von der gefühlten “Antibiotika-Bekämpfung” in der Tiermedizin.

ein Kommentar von Jörg Held

Seit sechs Jahren sinken die Antibiotikamengen in der Tieremedizin deutlich (nachzulesen hier). Auch die Therapiehäufigkeit ist deutlich zurückgegangen (nachzulesen hier).
Ist das Ziel also erreicht? Nein, die “Minimierung” stößt erkennbar an ihre Grenzen – auch das sagen die Zahlen.
Deshalb ist es eine Sackgasse, weiter gebannt auf Mengenreduzierung und Kennzahlsenkungen zu starren. Zumal unklar ist, ob das eigentliche Ziel – weniger Resistenzen gegen Antibiotika – wirklich erreicht wird? Bisher lässt sich das nämlich gar nicht überprüfen, weil es für die Tiermedizin kein flächendeckendes Resistenzmonitoring gibt.
Wenn also die “Minimierung” Grenzen hat, kranke Tiere aber – und so steht es im Gesetz und das betonen auch Politiker immer wieder – ein Recht auch auf antibiotische Behandlung haben, dann ist es Zeit für einen Strategiewechsel.
Die Gelegenheit ist günstig: 2019 steht die “Evaluation” des staatlichen Minimierungskonzeptes an. Neue politische Konstellationen in Bund und Ländern könn(t)en für neue Schwerpunkte offen sein. Fünf Vorschläge:

Punkt 1: Resistenzdatenbanken schaffen

Der GERM-VET Bericht 2015 zur Resistenzsituation in der Tiermedizin ist ein erster Ansatz. (Foto: Ausschnitt Titelseite GERM-VET-Bericht 2015 / © BVL)

Tierärzte überprüfen die Wirksamkeit ihrer Antibiotikaverordnungen schon jetzt mit Resistenztests – und zwar im großen Umfang besonders in den großen Nutztierpraxen, aber auch Kleintierkliniken. Es gibt also Labordaten zu Antibiotikaresistenzen in der Tiermedizin! Diese Daten gilt es sinnvoll zu nutzen, indem man sie (anonymisiert) zusammenführt, strukturiert und für alle Tierärzte verfügbar macht – idealerweise sogar regional aufbereitet.
Dieses Wissen kann helfen, die Initialtherapie mit dem potentiell wirksamsten Mittel zu starten – und so dafür sorgen, dass weniger Resistenzen selektiert werden.
Projektideen für eine Resistenzdatenbank gibt es in der Tiermedizin bereits. Die Politik sollte sie fördern.
Auch die Humanmedizin kennt solche Datenbanken, zum Beispiel das niedersächsische ARMIN-Projekt. An das beim Landesgesundheitsamt angesiedelte Antibiotika-Resistenz-Monitoring in Niedersachsen” übermitteln 13 Labore anonymisierte Resistenzdaten.

Punkt 2: Tiergesundheit in den Mittelpunkt stellen

Die Mengenreduzierung war ein wichtiger erster Schritt. Tierärzte und Tierhalter haben sie erfolgreich umgesetzt: Minus 964 Tonnen oder 56,5 Prozent weniger Antibiotika sind ein beachtlicher Erfolg.
Parallel häufen sich aber Meldungen, dass Tiere aus Angst vor einer “Kennzahlüberschreitung” nicht behandelt werden, Es gibt Signale, dass Schlachthofbefunde, aus denen sich ablesen lässt, dass Nutztiere eine Krankheit durchgemacht haben, ansteigen – zuletzt diskutiert auf dem NRW-Tierärztetag.
Eine weitere Fixierung auf “nich weniger Tonnen” und “sinkende Minimierungskennzahlen” birgt also Risiken.
Tierärzte fordern deshalb, die Tiergesundheit konsequent in den Mittelpunkt zu stellen und zu “messen” – unter anderem über Schlachthofbefunde und Mortalitätsraten. Eine praxisnahe Tiergesundheitsdatenbank muss her.

Punkt 3: Vorhandene Daten endlich nutzen

In Deutschland hat der Datenschutz einen hohen Stellenwert. Doch er darf nicht zum Selbstzweck werden. Es gibt in der Nutztierhaltung auf allen Ebenen der Branche zahllose (Forschungs)Projekte und Datenbanken, die wichtige Informationen über Tiergesundheit, Tierwohl, Haltungsbedingungen und Medikamenteneinsatz enthalten.
Diese Datenschätze gilt es zu nutzen. Der Gesetzgeber muss dringend die rechtlichen Rahmenbedingungen dafür schaffen und die technische Umsetzung fördern. Die Branche wiederum muss auch ihre (privatwirtschaftlich) erhobenen Daten transparent und (anonymisiert) nutzbar machen.

Punkt 4: Keine weiteren nationalen Auflagen

So lange die bestehenden Potentiale noch nicht genutzt werden, sollte Vater Staat darauf verzichten, mit neuen nationalen Vorgaben zusätzliche Hürden aufzubauen.
Auf europäischer Ebene steht für 2019 ein neues Tierarzneimittelrecht an. Darin wird die EU eine ganze Reihe von Vorgaben zum Antibiotikaeinsatz machen, die dann in nationales Recht umzusetzen sind. Gleichzeitig hat der Gesetzgeber in Deutschland für 2019 die Überprüfung der 16. AMG-Novelle vorgeschrieben: Führt das bestehende Antibiotikaminimierungskonzept zum gewünschten Erfolg oder muss es angepasst werden? Bund und Länder sollte sich also darauf konzentrieren, zu diesem Termin abgestimmte Ergebnisse zu haben, um “aus einem Guß” nationales und EU-Recht umsetzen zu können.

Das betrifft für Tierärzte konkret die vom Bund angekündigte Verschärfung der Tierärztlichen Hausapothekenverordnung (TÄHAV). Sie soll Umwidmungsverbote und Resistenztests sowie weitere Dokumentationen vorschreiben. Doch es häufen sich die politischen Signale, dass der aktuelle Entwurf bei den Bundesländern nicht auf Zustimmung stößt. Mecklenburg-Vorpommern  lehnt ihn ab, NRW prüft ob er zielführend sei und auch Niedersachsen hat Zweifel.
Nötig ist eine TÄHAV-Novelle vor 2019 jedenfalls nicht. Die Regulierung der sogenannten “kritischen Antibiotika” sollte eher in die Evaluierung selbst einfließen.

Punkt 5: Bestärken statt bekämpfen

Statt mehr Restriktionen sollte es generell mehr positive Ziele geben. Die Frustration bei Tierärzten und Tierhaltern steigt spürbar. Trotz nachweislicher Erfolge, beherrschen weiter Missbrauchsvorwürfe (“vollgepumpte Schweine”) und Verbotsforderungen zumindest die Medien.
Das liegt auch an der Sprache der Gesetze und Programme: minimieren und reduzieren, einschränken oder gar verbieten. Wie diese andauernd Negativ-Wortwahl vielfach empfunden wird, zeigt ein “freudscher Wortfehler” beim NRW-Tierärztetag:

Ein Schreibfehler mit Aussagekraft für die Stimmung in der Nutztierhaltung: Der Vortrag sollte eigentlich  die “Zukunft der Antibiotikabehandlung” beleuchten. (Foto: WiSiTiA/jh – NRW-Tierärztetag 2017)

Die Humanmedizin ist da klüger, denn sie weiß, dass ohne Einsicht bei den Beteiligten kein Fortschritt möglich ist. Sie benennt die Gefahren, setzt aber auf positiv besetzte Strategien und Begriffe: Sie spricht von einem “rationalen” und “sorgfältigen Umgang” mit Antibiotika (“antibiotic stewardship” und “prudent use”), setzt auf Erkenntnis und Wissen bei Patienten und Ärzten (“Awareness”). Mengenreduzierungsziele oder gar Verbote sind kein politisches Instrument.
Zugegeben: Der Arzneimittelreport 2016 mit den humanmedizinischen Verordnungsdaten weist keinen nennenswerten Rückgang beim Antibiotikaeinsatz aus. Im Gegenteil: Es gibt sogar einen leichten Anstieg bei am häufigsten eingesetzten Betalactam-Antibiotika. Aber trotzdem hat ein deutlich verbessertes Hygienebewußtsein die MRSA-Belastung in Krankenhäusern spürbar reduziert.

Statt also “Antibiotikaminimierungskonzepte” weiter auszubauen, sollte die Politik auch in der Tiermedizin auf “Antibiotic Stewardship” umsteigen – auf Massnahmen, die den therapeutisch notwendigen Einsatz optimieren.

Hoffnung für 2018

Vor der niedersächsischen Landtagswahl Mitte Oktober können sich Nutztierhalter und Tierärzte aber erst noch einmal auf Vorwürfe einstellen – es ist eben Wahlkampf.
Doch in den Fachreferaten beim Bund und in den Ländern schaut man bereits auf die Zeit danach. Die Signale auch aus “grünen” Ländern lassen da durchaus hoffen:
Praxisnahe Weiterentwicklung des Monitoringkonzeptes ja. Aber mit einem deutlichem Fokus auf weiterführende Maßnahmen: Bessere Infektionsprävention, bessere Diagnostik, bessere Haltungsbedingungen, mehr Hygiene, mehr Impfstoffe, mehr Aufklärungsarbeit – weniger Stigmatisierung. Darüber wird diskutiert.
Wege, die die Tierärzte sicher mitgehen können und werden.

Teilen
Über den Autor

Jörg Held

Jörg Held (jh) ist Journalist, Kommunikationswirt und Redaktionsberater mit 30 Jahren Berufserfahrung. Seit 2007 auch im Bereich Tiermedizin unterwegs, davon 5 Jahre als Redaktionsleiter der VETimpulse. Auch bei wir-sind-tierarzt.de leitet er die Redaktion und ist schwerpunktmäßig für berufspolitische Themen und die Nachrichten verantwortlich. Kontakt: joerg.held(at)wir-sind-tierarzt.de
Web Design MymensinghPremium WordPress ThemesWeb Development

Wildtiere: Hilfe kann auch Leid bedeuten

9. März 20169. März 2016
Ein Faltblatt gibt Tipps zum Umgang mit Wildtieren. (©Landestierschutzbeauftragte Hessen / Erni/Fotolia.com)„Wildtiere brauchen in den aller seltensten Fällen menschliche Hilfe," sagt die Landestierschutzbeauftragte Hessen. Was tun kann, wer ein Wildtier findet – oder aber auch besser lassen sollte – erklärt ein Flyer, den Dr. Madeleine Martin zusammen mit der Landestierärztekammer Hessen herausgegeben hat. (mehr …)