Tierärzte: Stoppt die Werbung mit Mops & Co

Bulldoggen gehören zu den Rassen mit ausgeprägten Qualzuchtmerkmalen. (Foto: © C. Pfister/BTK)

Die Tierärzteschaft appelliert in einem Offenen Brief an Unternehmen, keine Hunde und Katzen mit Qualzuchtmerkmalen als Werbeträger zu benutzen. Diese öffentliche Darstellung ermutige immer mehr potenzielle Tierhalter, sich ein solches Haustier anzuschaffen – was wiederum Tierleid fördere. Es ist der nächste Schritt in einer Kampagne gegen Qualzuchten.

(jh/BTK) – Prominentester Vertreter der Qualzucht-Werbung dürfte eine Bulldogge sein. Sie hechelt oft vor der Tagesschau in TV-Spots für ein Schlankheitsmittel hinter einem Modell über den Strand oder muss die Treppenstufen zur Hochzeitskirche hochgetragen werden. Doch Möpse, plattgesichtige Perserkatzen oder Französische Bulldoggen, zieren auch sonst in zigfachen Variationen als „Werbegesichter“ Plakate, Anzeigen oder Deko-Gegenstände. “Im Namen der Deutschen Tierärzteschaft appellieren wir deshalb an Sie, die Nachfrage nach Hunden und Katzen solcher Qualzüchtungen nicht zusätzlich durch fortgesetzte mediale Präsenz anzuheizen. Wir bitten Sie also, nicht mehr mit solchen Tieren zu werben!” heißt es in dem Offenen Brief von fünf Tierarztverbänden an Unternehmen.

Bulldogge mit Qualzuchtmerkmalen –Screenshot ARD Werbeblock.

Bulldogge mit Qualzuchtmerkmalen –Screenshot ARD Werbeblock.

Werbung fördert Tierleid

Tiere dieser Qualzuchtrassen sähen vielleicht putzig aus – “doch dass ein extrem kurzer Gesichtsschädel über kurz oder lang auch einen erheblichen Leidensdruck für das Tier bedeutet, sieht man nicht, “erklärt Dr. Friedrich Röcken, Fachtierarzt für Kleintiere und Leiter der Arbeitsgruppe “Qualzuchten” der Bundestierärztekammer (BTK). Ihre extreme Kurzschädeligkeit habe nicht selten auch ausgeprägte Schmerzen zur Folge. Offensichtliche Symptome sind beispielsweise Schnaufen, Röcheln, Atemnot, vermehrter Tränenfluss und schnelle Erschöpfung bis hin zum Kreislaufkollaps mit Ohnmacht. “Ihre Omnipräsenz auf Fotos oder im Fernsehen weckt aber oft erst die Nachfrage nach Mops und Co”.

Kritik auch an der eigenen Branche

Aus diesem Grunde hat die Arbeitsgruppe – der Vertreter von fünf Tierarztverbände angehören – nun eine Reihe von Firmen, Agenturen sowie Print- und TV-Formate angeschrieben, die mit Hunden und Katzen mit Qualzuchtmerkmalen werben. Als Modells dienten etwa Englische und Französische Bulldogge, Mops, King Charles Spaniel oder Perser-, Exotic Shorthair und British Kurzhaar Katzen. Die Werber setzen dabei auf den Niedlichkeitseffekt, vergässen aber oft, dass es sich bei den tierischen Modellen nicht um Puppen, sondern um leidensfähige Lebewesen handelt, schreiben die Tierärzte: „Massenmedien und Werbung beeinflussen den Zeitgeist und das Konsumverhalten – das Bild dessen, was wir als schön und begehrenswert ansehen”, begründet Röcken die Aktion.

Titelseite des "Qualzucht"-Flyers der BTK – PDF-Download durch Klick auf das Foto. (©BTK)

Titelseite des “Qualzucht”-Flyers der BTK – PDF-Download durch Klick auf das Foto. (©BTK)

Bewußtsein wecken – nicht anprangern

Die Tierarztverbände beziehen sich in den Briefen jeweils ganz konkret auf Anzeigen, TV-Spots oder Produkte, für die das Unternehmen in der Werbung Qualzuchtrassen eingesetzt hat. Da sie aber Bewusstsein und Einsicht wecken und niemand an den Pranger stellen wollen, verzichten sie in der Öffentlichkeitsarbeit auf konkrete Namensnennungen. Das gilt insbesondere für Unternehmen aus der eigenen Branche, die mit diesen Rassen für Gesundheitsprodukten und Futtermitteln für Tiere werben.

Qualzuchten den Kampf ansagen

Die Arbeitsgruppe „Qualzuchten“ unter dem Dach der Bundestierärztekammer ist ein Gremium, dass sich aus Vertretern aller großen Veterinärverbände – Bundestierärztekammer (BTK), Bundesverband praktizierender Tierärzte (bpt), Bundesverband der beamteten Tierärzte (BbT), Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (TVT) sowie die Deutsche Veterinärmedizinische Gesellschaft (DVG) mit der Gesellschaft für Kleintiermedizin (DGK-DVG) – zusammensetzt. Mit der Gründung der AG wurde ein Beschluss des 27. Deutschen Tierärztetages zum Thema „Zucht und Qualzucht von Klein- und Heimtieren“ umgesetzt. Vor dem Hintergrund ihres Berufsethos und ihres Fachwissens wollen Tierärzte jeder Form von Zucht, die zu Schmerzen, Leiden und Qualen führt, den Kampf ansagen.
Vor wenigen Tagen hatte die Arbeitsgruppe eine Informationsfaltblatt für Tierhalter veröffentlicht
(Bericht hierFaltblatt-Download hier).

Aktionen auch in der Schweiz und Großbritannien

Die Kritik an Qualzuchten kommt nicht nur aus Deutschland. In Großbritannien führt die Royal Society for the Prevention of Cruelty to Animals (RSPCA / königliche Gesellschaft zur Verhütung von Grausamkeiten an Tieren) eine Kampagne gegen Qualzuchten.
Der Schweizer Tierschutz (STS) hat gerade Umfrageergebnisse vorgelegt, wie Veterinärämter und Züchter eine 2015 erlassene Amtsverordnung zum Tierschutz beim Züchten umsetzen. Die neuen Vorschriften zur Hautierzucht zielen auf Qualzuchtmerkmale.
Auch der Deutsche Tierschutzbund erklärt in einem Hintergrundpapier ausführliche die Qualzuchtprobleme bei Hunden.

Quellen:
Pressemeldung der Bundestierärztekammer
“Kurznasen und  Glubschaugen – nicht süß, sondern gequält – Informationsblatt zu Qualzuchten (BTK/PDF-Download)

weitere Quellen im Text verlinkt

Hunde verdienen besseres: Infografik zu Qualzuchtmerkmalen des englischen Tierschutzverbandes RSPCA. (Grafik: © RSPCA)

Hunde verdienen besseres: Infografik zu Qualzuchtmerkmalen des englischen Tierschutzverbandes RSPCA. (Grafik: © RSPCA)

Teilen
Über den Autor

Jörg Held

Jörg Held (jh) ist Journalist, Kommunikationswirt und Redaktionsberater mit 30 Jahren Berufserfahrung. Seit 2007 auch im Bereich Tiermedizin unterwegs, davon 5 Jahre als Redaktionsleiter der VETimpulse. Auch bei wir-sind-tierarzt.de leitet er die Redaktion und ist schwerpunktmäßig für berufspolitische Themen und die Nachrichten verantwortlich. Kontakt: joerg.held(at)wir-sind-tierarzt.de
Web Design MymensinghPremium WordPress ThemesWeb Development

Wildtiere: Hilfe kann auch Leid bedeuten

9. März 20169. März 2016
Ein Faltblatt gibt Tipps zum Umgang mit Wildtieren. (©Landestierschutzbeauftragte Hessen / Erni/Fotolia.com)„Wildtiere brauchen in den aller seltensten Fällen menschliche Hilfe," sagt die Landestierschutzbeauftragte Hessen. Was tun kann, wer ein Wildtier findet – oder aber auch besser lassen sollte – erklärt ein Flyer, den Dr. Madeleine Martin zusammen mit der Landestierärztekammer Hessen herausgegeben hat. (mehr …)