A2-Milch – das neue Bio?

"Besser verträgliche" A2-Milch hat in Neuseeland bereits mehr Marktanteil als Biomilch. (Foto: © blackcab/wikipedia – CC BY-SA 3.0)

Wie gesund oder ungesund ist Milch? Das wird immer wieder heftig diskutiert. Ein Faktor, auf den einige Menschen reagieren ist der (Aminosäuren)Unterschied zwischen A1- und A2-Milch. Muss hier die Zucht reagieren? In Neuseeland hat A2-Milch bereits höhere Marktanteile als Bio.

(aw) – Ob nun A2-Milch wirklich gesünder ist als A1-Milch, beschäftigt Landwirte, Zuchtverbände und Medien seit einigen Jahren. Es geht um Patente für den A2-Test und Vermarktungsvorteile durch “Gesundheitsversprechen” – zuerst in Neuseeland, Australien, seit 2015 verstärkt in den USA und jetzt auch in Deutschland.

Eine Aminosäure Unterschied

Der Unterschied zwischen beiden Milchvarianten liegt lediglich in einer einzigen Aminosäureabweichung des Beta-Kaseins. Beta-Kasein besteht aus 224 Aminosäuren und macht etwa ein Viertel des Milcheiweißes aus. Im Laufe der Entwicklung ist irgendwann die A1-Mutation aufgetreten, denn die A2-Milch gilt als die ursprünglichere oder „natürlichere“ Form.

“Laktose-Intoleranz” eher ein A1-Problem?

Es könnte sein, dass Menschen tatsächlich A2-Beta-Kasein besser vertragen. Das liegt daran, dass bei der Verdauung von A1-Kasein unter Umständen mehr BCM-7 (Beta-Casomorphin-7, ein Peptid aus sieben Aminosäuren) freigesetzt wird als bei der A2-Variante. BCM-7 hat opioid-ähnliche Eigenschaften, auf die etwa ein Viertel der Menschen reagiert. Bisher fand sich aber lediglich ein möglicher Zusammenhang zwischen Verdauungsbeschwerden und reiner A1-Milch. Es ist unter Umständen möglich, dass Menschen, die glauben an Laktose-Intoleranz zu leiden, in Wirklichkeit auf A1-Kasein mit entsprechenden Beschwerden reagieren.
Einige Gruppierungen machen Milchkonsum inzwischen generell für das Entstehen von Herzerkrankungen und Diabetes bis hin zu Autismus und Schizophrenie verantwortlich. In großangelegten Untersuchungen konnten diese Vermutungen aber bisher nicht bewiesen werden.

Milch bleibt Milch – eine Bewertung des Max-Rubner-Institutes

Gute Rassen – böse Rassen?

Die A1-/A2-Variante der Milch ist abhängig von der Vererbung und diese variiert in den Milchkuhrassen. Wie stark, erläutert Chad Dechow, Professor für Milchrindergenetik an der Penn State University (USA), im Hoards Dairyman. Vor allem bei wenig „veredelten“ Milchlieferanten wie den Zebus finden sich kaum Träger der A1-Variante, aber auch Guernsey-Rinder sind mit rund 90 Prozent reinerbigem A2-Anteil immer noch sehr ursprünglich. Um den potentiellen Marktvorteil von A2-Milch zu bewahren, dürfen in der Guernsey-Zucht keine reinerbigen A1-Bullen zum Decken verwendet werden.
Auch in der Fleckviehzucht überwiegt noch der A2-Anteil im Kasein. Etwa 67  bis 71 Prozent (je nach Quelle) der Kühe produzieren reinerbig A2-Kasein, rund 30 Prozent sind mischerbig und nur drei Prozent der Fleckvieh-Kühe produzieren ausschließlich A1-Milch. Ähnliche Prozentverteilungen finden sich beim Braunvieh.
Bei HF-Kühen sieht es etwas ungünstiger aus, hier sind nur in etwa 36 Prozent reinerbige A2-Träger, geschätzte 48 Prozent tragen sowohl Anlagen für A1 als auch A2-Milch und etwa 16 Prozent der HF-Kühe produzieren ausschließlich A1-Milch.

Zuchtziel A2-Kasein – weil es den Milchpreis bestimmt?

Professor Dechow rät den Landwirten, abzuwägen ob sie vermehrt auf A2-Kasein züchten wollen oder nicht. Langfristige Zuchtziele sollte man nicht kurzfristigen Modeerscheinungen „opfern“.
Aber in Neuseeland werde schon knapp acht Prozent reine A2-Milch verkauft. Damit ist der A2-Marktanteil bereits deutlich größer als der für die – dort preisgünstigere – Bio-Milch.
Dechow hält es für klug, auf die A2-Komponente zu achten, denn es könnte sein, dass in Zukunft die Milch nicht rein nach Komponenten (Fett, Eiweiß), sondern auch nach qualitativer Zusammensetzung der Komponenten bezahlt wird – also womöglich auch des A2-Beta-Kaseins.

Verschiedene Zuchtverbände haben bereits auf eine potentiell gesteigerte Nachfrage reagiert. So bietet etwa die Bayern-Genetik drei reinerbige A2-Vererber an und auch andere Stationen (z.B. Spermex) haben den Kasein-Typ ins Bullen-Profil aufgenommen.

A2-Gentest:
Interessierte Landwirte, die ihre Kühe auf A2 testen möchten, haben zwei Möglichkeiten: 

  • Georg-August-Universität Göttingen
    Tierärztliches Institut – Abteilung für Molekularbiologie
    Burckhardtweg 2 – 37077 Göttingen
    Untersuchungsmaterial: EDTA-Blutprobe oder Heparin-Blutprobe

  • Besamungsstation Grub in Bayern – Untersuchungsanträge finden Sie unter diesem Link.

Quellen:
Hoards Dairyman 25.8.2016
Milch bleibt Milch – eine 
Bewertung des Max-Rubner-Institutes

 

Teilen
Über den Autor

Annegret Wagner

Dr. Annegret Wagner (aw) hat in Gießen Tiermedizin studiert und arbeitet seit 1991 in der Großtierpraxis; seit 2005 niedergelassen in eigener Praxis mit Schwerpunkt Milchrind im Raum Rosenheim. Seit 2006 arbeitet sie auch als tiermedizinische Fachjournalistin. So hat sie für die VETimpulse die Nutztierthemen betreut und übernimmt diese Aufgabe auch bei wir-sind-tierarzt.de. Um nicht zum Mia-san-mia-Bayer zu mutieren, schaut sie intensiv über den Alpenrand hinaus, vorzugsweise ins englischsprachige Ausland. Kontakt: annegret.wagner(at)wir-sind-tierarzt.de
Web Design MymensinghPremium WordPress ThemesWeb Development

Wildtiere: Hilfe kann auch Leid bedeuten

9. März 20169. März 2016
Ein Faltblatt gibt Tipps zum Umgang mit Wildtieren. (©Landestierschutzbeauftragte Hessen / Erni/Fotolia.com)„Wildtiere brauchen in den aller seltensten Fällen menschliche Hilfe," sagt die Landestierschutzbeauftragte Hessen. Was tun kann, wer ein Wildtier findet – oder aber auch besser lassen sollte – erklärt ein Flyer, den Dr. Madeleine Martin zusammen mit der Landestierärztekammer Hessen herausgegeben hat. (mehr …)