StIKO Vet: Kaninchen frühestmöglich gegen RHDV-2 impfen

Kaninchen so früh wie möglich mit einem monovalenten Vollantigenimpfstoffe grundimmunisieren – das empfiehlt die Ständige Impfkommission der Veterinärmedizin und weicht damit von der bestehenden Impfleitlinie ab. Auch der Import neuer Impfstoffe aus EU-Nachbarländern sei zulässig.

(jh/FLI) – Der Hintergrund: Die neue, RHDV-2 genannte Variante der “Chinaseuche” dominiert aus diagnostischer Sicht inzwischen in Deutschland die Krankheitsausbrüche. 139 Fälle wurden 2015 am Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) diagnostiziert – dem standen nur 19 klassische RHDV-Fälle gegenüber. Weil aber vor allem Proben von unklaren oder RHDV-2- Verdachtsfällen an das FLI versandt werden, sollte der Aufbau eines ausreichenden Immunschutzes gegen die klassischen Rabbit Haemorrhagic Disease (RHD)-Stämme nicht außer Acht gelassen werden.

Die ausfühliche Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission Veterinärmedizin (StIKo Vet) finden Sie hier. (PDF-Download)
Eine aktuelle Information zum Stand der Krankheit hier (7.7.2016)

StiKOVET-LogoNeues Impfschema für RHD

Aufgrund der Entwicklung empfiehlt die StIKo Vet am FLI, abweichend von der bestehenden Impfleitlinie für Kleintiere, folgendes neues Impfschema:

  • Kaninchen zum frühestmöglichen Zeitpunkt (siehe Herstellerangaben) durch eine zweimalige Applikation eines der beiden monovalenten VollantigenimpfstoffCunivak RHD oder RIKA-VACC RHD im Abstand von drei Wochen grundimmunisieren und
  • die Tiere anschließend alle sechs Monate revakzinieren.  

Zusätzlich zur Impfung sind Maßnahmen des allgemeinen Infektionsschutzes, die einen Eintrag von Virus in die Bestände unterbinden sollen, unerlässlich. 

Schutz gegen schwere Verläufe möglich

Eine Laborstudie belegt, dass eine mindestens zweimalige Immunisierung mit einem konventionellen, inaktivierten Vollantigenimpfstoff schwere, klinische Verläufe einer RHDV-2-Infektion bei der überwiegenden Mehrzahl der Tiere verhindern kann. Eine  Infektion und geringgradige klinische Symptome können aber trotz Impfung auftreten. Daher ist nicht auszuschließen, dass derart geimpfte, partiell geschützte Tiere zumindest temporär Virus ausscheiden können. Die StIKO hält die Hinweise auf den partiellen Schutz gegen RHDV-2 aber für so überzeugend, dass sie in die Gebrauchsanweisung der monovalenten Impfstoffe Cunivak RHD und – da es sich um bezugnehmende Zulassungen handelt – auch für RIKA-VACC RHD aufgenommen wurden.

Impfstoffe aus dem Ausland importieren

Es gibt in Frankreich und Spanien auch erste konventionelle Impfstoffe mit einer vorläufigen Marktzulassung gegen die neue RHDV-Variante. Sie induzieren Antikörper, die auf beide Varianten, aber stärker auf RHDV-2 als auf das klassische RHDV reagieren. Ob diese Kreuzreaktivität auch gegen die klassischen RHDV-Stämme schützt, sei momentan nicht bekannt, schreibt die StIKO Vet. Ein weiterer seit kurzem in Frankreich zugelassener Impfstoff enthält sowohl eine klassische RHDV als auch eine RHDV-2-Komponente, sei aber noch nicht auf Markt.

Die StIKO weist darauf hin, dass grundsätzlich gemäß § 11 Absatz 6 Nummer 2 TierGesG die Möglichkeit besteht, Impfstoffe, die RHDV-2 Impfantigen enthalten und im Ausland für die entsprechende Indikation zugelassen sind, per Ausnahmegenehmigung anzuwenden, sofern deutschlandweit kein entsprechender Impfstoff verfügbar ist. Dies muss vom behandelnden Tierarzt bei der jeweils zuständigen obersten Landesbehörde entsprechend beantragt werden. 

Die neue Impfempfehlung enthält eine kommentierte Liste der in Deutschland und im europäischen Ausland zugelassenen Impfstoffe (PDF-Download).

Neue Impfempfehlungen der der StiKO Vet hier als PDF herunterladen

Neue Impfempfehlungen der der StiKO Vet hier als PDF herunterladen

Nestlinge ab 4 Wochen erkranken

Charakteristisch und für den Impfstoffeinsatz von Bedeutung ist die Tatsache, dass auch sehr junge Tiere (Nestlinge ab einem Alter von 4 Wochen) erkranken, erklärt das FLI. Zudem sind, im Gegensatz zur „klassischen“ RHD, auch Feldhasen empfänglich. Nach experimenteller Infektion von Kaninchen verendeten 100% der Tiere innerhalb von 2 Tagen. Bei Feld-Ausbrüchen starben in der Regel alle ungeimpften Tiere. Dagegen erkrankten einmal mit Vollantigenimpfstoff geimpfte Tiere zu etwa der Hälfte, während ältere, bereits mehrfach geimpfte Tiere in der Regel nicht, berichtet das FLI. Rekonvaleszenz nach Erkrankung, eher untypisch für die „klassische“ RHD, ist bei offensichtlich teilgeschützten Tieren möglich. Ob diese Tiere Virusträger bleiben, ist unbekannt.
Die neue RHD-Variante hat inzwischen die klassischen RHDV-Stämme in Frankreich weitgehend verdrängt, in anderen Ländern (Italien, Spanien, Portugal) ist dies nicht so deutlich.

Hintergrund/Entwicklung RHDV-2

Rasante Ausbreitung der neuen RHDV-2-Form

Rasante Ausbreitung der neuen RHDV-2-Form

In den späten 90er Jahren wurden bereits als RHDVa bezeichnete Varianten des RHDV identifiziert und es gab experimentelle Hinweise auf einen möglicherweise eingeschränkten Kreuzschutz . Ab Sommer 2010 trat in Frankreich, später auch in Italien und auf der Iberischen Halbinsel eine neue Variante des Virus auf, die auch bei geimpften Tieren eine Letalität von bis zu 50% verursachte.
2013 wurde diese, als RHDV-2 (in Spanien auch als RHDVb) bezeichnete Variante erstmals in Deutschland (NRW) nachgewiesen. RHDV-2-Fälle sind auch aus dem Vereinigten Königreich beschrieben und in Dänemark und den Niederlanden diagnostiziert. In Australien ist das Virus seit Mitte 2015 präsent.

Krankheitsbild der Rabbit Haemorrhagic Disease (RHD)

  • Die hämorrhagische Krankheit der Kaninchen, ist eine seit den 1980er Jahren bekannt und wird durch ein Calicivirus, das RHD-Virus (RHDV), verursacht. Das Virus wird in erster Linie durch direkten Kontakt übertragen, eine Ansteckung ist jedoch auch über Personen, Futter, Gerätschaften, Transportkäfige, indirekte Kontakte auf Ausstellungen, passive Übertragung durch Insekten u.a.m. möglich.
  • Das Vorkommen einzelner persistenter Dauerausscheider nach Überstehen einer Infektion wird teilweise auf Grund epidemiologischer Zusammenhänge vermutet, ist aber bisher nicht experimentell belegt.
  • Die Erkrankung ist durch einen perakuten Verlauf gekennzeichnet, der mit einer nekrotisierenden Hepatitis und einer generalisierten Gerinnungsstörung einhergeht. Es kommt zu hohem Fieber und bei ca. 10-20 % der Tiere zu blutigem Nasenausfluss. Klinisch erkrankte Tiere verenden in der Regel nach 24-72 h, chronische Verlaufsformen werden nur selten beobachtet.
  • Jungtiere bis zu einem Alter von 8-10 Wochen erkranken nicht an der klassischen Form (juvenile Resistenz). Das gilt nicht für die neue RHDV-2-Variante.

Beitragsbild: © WiSiTiA/Henrik Hofmann

Teilen
Über den Autor

Jörg Held

Jörg Held (jh) ist Journalist, Kommunikationswirt und Redaktionsberater mit 30 Jahren Berufserfahrung. Seit 2007 auch im Bereich Tiermedizin unterwegs, davon 5 Jahre als Redaktionsleiter der VETimpulse. Auch bei wir-sind-tierarzt.de leitet er die Redaktion und ist schwerpunktmäßig für berufspolitische Themen und die Nachrichten verantwortlich. Kontakt: joerg.held(at)wir-sind-tierarzt.de
Web Design MymensinghPremium WordPress ThemesWeb Development

Wildtiere: Hilfe kann auch Leid bedeuten

9. März 20169. März 2016
Ein Faltblatt gibt Tipps zum Umgang mit Wildtieren. (©Landestierschutzbeauftragte Hessen / Erni/Fotolia.com)„Wildtiere brauchen in den aller seltensten Fällen menschliche Hilfe," sagt die Landestierschutzbeauftragte Hessen. Was tun kann, wer ein Wildtier findet – oder aber auch besser lassen sollte – erklärt ein Flyer, den Dr. Madeleine Martin zusammen mit der Landestierärztekammer Hessen herausgegeben hat. (mehr …)