Welche Haltungsbedingungen brauchen Legehennen mit intaktem Schnabel – eine Übersicht

Kampagnenmotiv "Schnabelkürzen" aus dem Niedersächsischen Tierschutzplan. (© Landwirtschaftsministerium Niedersachsen)Kampagnenmotiv "Schnabelkürzen" aus dem Niedersächsischen Tierschutzplan. (© Landwirtschaftsministerium Niedersachsen)

Schnabelkürzen bei Geflügel ist ein Streitthema beim Tierwohl. Für Legehennen haben Bundesregierung und Geflügelwirtschaft jetzt einen Verzicht auf das Schnabelkürzen vereinbart. Der Starttermin 2017 gilt aber nicht für die Elterntierherden und auch nicht für Puten (Zieldatum hier: 2019). Unter welchen Bedingungen die Haltung von Legehennen mit intakten Schnäbeln funktionieren kann, zeigt die Zusammenfassung diverser Literaturrecherchen.

(aw/jh) – Geflügelschnäbel sind messerscharfe Waffen aber auch das wichtigste Tastwerkzeug von Hühnern und Puten. Um zu verhindern, dass sich die Tiere gegenseitig  verletzen können, werden die Schnäbel in der konventionellen Geflügelhaltung zur Zeit unmittelbar nach der Geburt gekürzt.
Ab August 2016 ist damit gemäß Branchenvereinbarung bei Junghennen in deutschen Brütereien  Schluss, so dass ab 2017 keine Tiere mit gekürzten Schnäbeln mehr eingestallt werden.

Preiserhöhung: Drei Cent pro Ei?

Das “ambitionierte Ziel”, die Haltungsbedingungen bis 2017 umzustellen, ist aus Tierschützersicht nicht ohne Preiserhöhung möglich. Sie rechnen mit einem Mehrpreis von drei Cent pro Ei, denn die Haltung muss an vielen Punkten geändert werden.
Wie, das zeigt eine Zusammenfassung diverser Literaturrecherchen von Andrew Janczak (Oslo, Norwegen) und Anja Riber (Tjele, Dänemark) in der aktuellen Ausgabe der Poultry Science.

Legehennenhaltung ändern, aber wie – eine Übersicht

Kampagnenmotiv "Schnabelkürzen" aus dem Niedersächsischen Tierschutzplan. (© Landwirtschaftsministerium Niedersachsen)

Kampagnenmotiv “Schnabelkürzen” aus dem Niedersächsischen Tierschutzplan. (© Landwirtschaftsministerium Niedersachsen)

Aus der internationalen Literatur haben die Autoren die folgenden wichtigsten Aspekte herausgearbeitet. In (Klammern/kursiv) hat wir-sind-tierarzt.de die entsprechenden Vorgaben aus den vorläufigen Haltungsleitlinien der deutschen Branchenvereinbarung ergänzt.

  • Schnäbelkürzen nur mit der Infrarot-Methode und so wenig Schnabel wie möglich entfernen – (Infrarotmethode gilt auch in D als Methode der Wahl)
  • Aufzuchtbetriebe müssen Jungtiere bereits in der Umgebung halten, in der sie später leben werden (Freilandhaltung, Bodenhaltung, …) – (muss auch in D sichergestellt sein)
  • schon kurz nach dem Schlupf brauchen Küken ständigen Zugang zu Beschäftigungs-/Einstreumaterial – (D: Einstreu/Beschäftigung möglichst ab Einstallung, spätestens ab Tag 35)
  • ab dem 7. bis 10. Lebenstag sollten Sitzstangen angeboten werden – (D: ab dem ersten Tag – 6 cm-Stangen-Platz/Tier bis Woche zehn, danach 10 cm/Tier) 
  • Junghennen sollten krümeliges Futter oder Breifutter erhalten, keine Pellets – (das empfiehlt auch die deutsche Branchenvereinbarung) 
  • bis zum Ende der Aufzuchtphase sollten nicht mehr als 14 Junghennen (leichtgewichtige Rassen) oder elf Tiere (schwere Rassen) pro Quadratmeter gehalten werden – diese Empfehlung ist wissenschaftlich nicht belegt, scheint sich nach Sicht der Autoren aber zu bewähren – (D: 18 Tiere/qm bzw. 36 Tiere/qm-Bodenfläche bei mehreren Ebenen)
  • die Lichtintensität während der Aufzucht sollte zwischen 5 und 10 Lux liegen, spätere Freilandtiere brauchen auch in der Aufzucht einen Tageslichtauslauf – (D: Die Branchenvereinbarung kritisiert die EU-Empfehlung von 20 Lux (als zu hoch) und fordert automatische Verdunkelungsmöglichkeiten ohne Lux-Werte zu nennen)
  • Hühner sind sehr geräuschempfindlich, auf einen niedrigen Lärmpegel und möglichst wenig Geräusche mit hohen Frequenzen achten
  • Ammoniak- und Kohlendioxid-Konzentrationen in der Luft so niedrig wie möglich halten, auch schlechte Luft begünstigt Federpicken – (D strebt folgende (Ober)Grenzwerte an: Ammoniak im Aufenthaltsbereich sollte 10 ppm nicht überschreiten, darf dauerhaft 20 ppm nicht überscheiten / CO2 Obergrenze 2.000 ppm)
  • Junghennen spätestens mit 16 Wochen in Legebetriebe umstallen – (Deutsche Empfehlung: Umstallen in der 17. bis 18 Woche)
  • Zucht auf weniger ängstliche Tiere
  • im richtigen Umgang mit Geflügel geschulte Mitarbeiter – (D: 2 x tägliche Tierkontrolle durch sachkundige Mitarbeiter)

Angst begünstigt Federpicken

Das gefürchtete gegenseitige Bepicken kann durch eine Reihe von Maßnahmen (siehe oben) mehr oder weniger wirkungsvoll verhindert werden. Ein wichtiger Aspekt, der zu Federpicken führt, ist aber Angst. Die wichtigste Bedingung der Aufzucht ist es daher, die Küken behutsam an ihr zukünftiges Leben heran zu führen. Das bedeutet, dass Küken, die später in Freilandhaltungen kommen, von Anfang an an die zukünftigen Verhältnisse gewöhnt werden müssen. Dazu gehört in erster Linie ein entsprechendes Lichtprogramm, denn die Küken müssen helles Licht ebenso “kennen” wie einen Auslauf.

Abwechslungsreiche Umgebung bieten

Genauso wichtig zur Verminderung von gegenseitigem Bepicken ist es, bereits den Küken eine möglichst abwechslungsreiche Umwelt mit guten Beschäftigungsmöglichkeiten zu bieten, also: ab dem siebten bis zehnten Lebenstag Sitzstangen; verschiedene Einstreumaterialen; zusätzlich Sandbäder. Torf und Sägespäne können ein Ersatz sein, wobei Sägespäne nicht so gut angenommen werden wie Stroh.
Sand und Stroh führen nicht nur zu einer besseren Befiederung sondern die Junghennen zeigen auch weniger ängstliches Verhalten.

Chronische Schmerzen nach Schnabelkürzen

Für die Autoren ist das Schnabelkürzen selbst mehr als eine kurze schmerzhafte Prozedur. Insbesondere das Kürzen mit dem Thermokauter bereite den Tieren auch in der Folge chronische Schmerzen. Für die Infrarotmethode, die in den Brütereien bei Tieren in den ersten zwei Lebenstagen eingesetzt wird, wurde das nicht berichtet. Zahlreiche Versuche hätten aber nachgewiesen, dass Hennen mit gekürzten Schnäbeln weniger fressen und langsamer zunehmen als unbehandelte Artgenossinnen. Auch das werten die Autoren als mögliche Folge von Schmerzen. Dabei spielte es keine Rolle, ob die Schnäbel mit einem Thermokauter oder per Infrarot gekürzt wurden.
Fest stehe: Je weniger vom Schnabel entfernt wird, desto geringer scheinen die Beeinträchtigung der Tiere und damit auch die Schmerzen zu sein. Die kupierten Hühner könnten ihren Schnabel generell auch nicht so effektiv einsetzen. Das führe dann dazu, dass sie häufiger an Ektoparasiten leiden als nichtkupierte Vergleichstiere, denn diese können mit ihrem (spitzen) Schnabel gezielt auf die Lästlinge losgehen.

Quellen:

1) Internationale Studienübersicht in Poultry Science (7.5.2015 / frei zugänglich).
2) Verzicht auf Schnabelkürzen – Vereinbarung Bundeslandwirtschaftsministerium und Geflügelwirtschaft (Juli 2015 / PDF-Downlad) – Das Dokument enthält auch Umsetzungsempfehlungen/vorläufige Haltungsleitlinien (ab S 20ff), die wir als gesonderte PDF-Dateien  noch mal extra bereitstellen getrennt nach Junghennen-Aufzucht und Legehennen-Haltung
3) Grundlage der Branchenvereinbarung ist der Niedersächsische Tierschutzplan, in dem Wissenschaft, Politik und (Land)Wirtschaft seit 2011 gezielt Vorgaben für Haltungsveränderungen entwickeln. Die Themenseite Legehennenhaltung finden Sie hier.

Beitragsbild: Kampagnenmotiv “Schnabelkürzen” aus dem Niedersächsischen Tierschutzplan. (© Landwirtschaftsministerium Niedersachsen)

 

 

Teilen
Über den Autor

Annegret Wagner

Dr. Annegret Wagner (aw) hat in Gießen Tiermedizin studiert und arbeitet seit 1991 in der Großtierpraxis; seit 2005 niedergelassen in eigener Praxis mit Schwerpunkt Milchrind im Raum Rosenheim. Seit 2006 arbeitet sie auch als tiermedizinische Fachjournalistin. So hat sie für die VETimpulse die Nutztierthemen betreut und übernimmt diese Aufgabe auch bei wir-sind-tierarzt.de. Um nicht zum Mia-san-mia-Bayer zu mutieren, schaut sie intensiv über den Alpenrand hinaus, vorzugsweise ins englischsprachige Ausland. Kontakt: annegret.wagner(at)wir-sind-tierarzt.de
Web Design MymensinghPremium WordPress ThemesWeb Development

Wildtiere: Hilfe kann auch Leid bedeuten

9. März 20169. März 2016
Ein Faltblatt gibt Tipps zum Umgang mit Wildtieren. (©Landestierschutzbeauftragte Hessen / Erni/Fotolia.com)„Wildtiere brauchen in den aller seltensten Fällen menschliche Hilfe," sagt die Landestierschutzbeauftragte Hessen. Was tun kann, wer ein Wildtier findet – oder aber auch besser lassen sollte – erklärt ein Flyer, den Dr. Madeleine Martin zusammen mit der Landestierärztekammer Hessen herausgegeben hat. (mehr …)