Mehr Tierschutz für Schweine – von Gitterrosten, Kettenkreuzen und Wiesengraspellets

Ferkel ©WiSiTiA/hh

Die Zahl der gesamt geborenen Ferkel pro Wurf steigt seit Jahren stetig an. Sechzehn sind das momentane Ökonomieziel. Problematisch ist, dass mittlerweile mehr Ferkel geboren werden, als eine Sau gleichzeitig säugen kann. Und im Laufe ihres Lebens kann eine Sau durch Zitzenverletzungen noch Gesäugekomplexe verlieren. Wie lässt sich dem vorbeugen? Und was dient sonst noch dem Tierschutz in der Schweinehaltung?

Logo_Niedersächsischer_Tierärztetag_2015_Ausschnittl

Prof. Dr. Steffen Hoy; Gießen.

Prof. Dr. Steffen Hoy; Gießen. (Foto: ©WiSiTiA/jh)

Sauen haben nur in seltenen Fällen 16 funktionierende Gesäugekomplexe, in der Regel sind es maximal 14. Um Zitzenverletzungen zu vermeiden, muss vor allem die Aufstallungsform in den Abferkelbuchten zum Bodenbelag passen. Professor Steffen Hoy (Gießen) präsentierte dazu auf dem Niedersächsischen Tierärztetag in Hannover eigene Untersuchungsergebnisse. Generell finden sich bei gerader Aufstallung deutlich weniger Zitzenverletzungen als bei diagonaler Aufstallung. Bei gerader Aufstallung in Kombination mit Ferrocast-Gussrosten traten in den vorgestellten Untersuchungen bei lediglich 9,4 Prozent der untersuchten 64 Tiere Verletzungen auf.
Für die diagonale Aufstallung eignet sich dieser Belag nicht. Von 77 Sauen in der entsprechenden Gruppe kam es bei 40,3 Prozent zu Verletzungen. Hier bewährt sich die Verwendung von MIK- bzw. Durotec-Kunststoff, was sich in „nur“ 27,1 Prozent Tieren mit Zitzenverletzungen widerspiegelte.

Cups verringern Ferkelsterblichkeit

Die Zufütterung über ein "Cupsystem" kann größere Ferkel retten.

Die Zufütterung über ein “Cupsystem” kann größere Ferkel retten. (Foto: @WiSiTiA/aw – Vortrag Hoy)

Weiterhin zeigte Hoy, wie wichtig die Zufütterung der Ferkel mit sogenannten Cups sein kann. Das zusätzliche Angebot konnte die Ferkelverluste in Würfen mit über 19 geborenen Tieren signifikant reduzieren. Allerdings profitieren erst Ferkel ab 1,05 kg Körpergewicht von dieser nicht ganz billigen Zufütterungstechnik. Die leichteren Tiere, die ja vor allem ein Problem darstellen, können auch mit den Cups nicht gerettet werden. Diese Ferkel sind einfach zu klein und zu schwach. Das Cup-System unterstützt also lediglich die mittleren und schweren Ferkel und reduziert bei großen Würfen das prozentuale Maß der Ferkelsterblichkeit auf das Niveau “normaler” Würfe.

Spielmaterial Kettenkreuz: gesetzlich nicht anerkannt aber effektiv

Auch auf Beschäftigungsmöglichkeiten ging Hoy ein. Ihn ärgerte, dass man “nicht mal auf die Schweine hört”. So seien Kettenkreuze mit Holzstücken zwar nicht als Beschäftigungsmaterial anerkannt, weil sie nicht verformbar sind, sie würden aber von den Schweinen am ehesten angenommen.
Hoy hat auch den Zeitaufwand für die “Wartung” der Spielmaterialien berechnet: Die Arbeitsbelastung sei bei anderen Beschäftigungsvarianten wesentlich höher. Während das Kettenkreuz nur einen Aufwand von 0,6 Minuten pro Schwein und Durchgang verursacht – der auch nur dann entsteht, wenn man (neue) Holzstücke an den Ketten befestigen muss – schlägt die Befüllung von Raufen mit 4,8 Minuten pro Schwein und Durchgang zu Buche. Das bedeutet bei 3.000 Mastschweinen pro Jahr eine Mehrarbeit von 210 Stunden. Für Hoy ein unökonomischer Aufwand für die Landwirte. Unklar ist, wieso Hoy diese Zeit als Mehraufwand deklariert. Das Befüllen der Raufen lässt sich gut mit der ohnehin notwendigen täglichen Tierkontrolle verbinden, die er bei den Kettenkreuzen nicht extra berechnet hat.

Wiesengraspellets reduzieren Schwanzbeißen

In Biobetrieben hat sich laut Prof. Hoy gezeigt, dass Wiesengraspellets bei einer gemeinsamen Haltung von Sauen und Ferkeln gegen Schwanzverletzungen helfen können. In einer seiner Studien wiesen Ferkel in der sechsten und siebten Haltungswoche deutlich weniger Schwanzverletzungen auf, wenn Wiesengraspellets etwa fünf Prozent der Futterration ausmachten.
Die Pellets haben außerdem einen Einfluss auf Ferkelverliste. So lagen in der Pellet-Gruppe die Absatzferkelverluste bei 2,5 Prozent, während die Kontrollgruppe 9,3 Prozent Verluste hatte. Das sei ein klarer Verstoß gegen die Vorgaben der Schweinehaltungshygieneverordnung (maximal 3 Prozent Verluste).
Hoy leitet aus diesen Ergebnissen ab, dass nicht der Mangel an Beschäftigung als primärer Auslöser für Schwanzbeißen angesehen werden kann, denn Beschäftigung hätten die Öko-Schweine genug gehabt. Die deutliche Verbesserung der Problematik durch das Verfüttern von Graspellets führt Hoy auf deren höheren Sättigungsgrad zurück und schätzt sie daher als präventiv wirksam gegen Schwanzbeißen ein.

Beitragsbild: © 2014 Dr. Henrik Hofmann / tierundleben.de

Teilen
Über den Autor

Annegret Wagner

Dr. Annegret Wagner (aw) hat in Gießen Tiermedizin studiert und arbeitet seit 1991 in der Großtierpraxis; seit 2005 niedergelassen in eigener Praxis mit Schwerpunkt Milchrind im Raum Rosenheim. Seit 2006 arbeitet sie auch als tiermedizinische Fachjournalistin. So hat sie für die VETimpulse die Nutztierthemen betreut und übernimmt diese Aufgabe auch bei wir-sind-tierarzt.de. Um nicht zum Mia-san-mia-Bayer zu mutieren, schaut sie intensiv über den Alpenrand hinaus, vorzugsweise ins englischsprachige Ausland. Kontakt: annegret.wagner(at)wir-sind-tierarzt.de
Web Design MymensinghPremium WordPress ThemesWeb Development

Wildtiere: Hilfe kann auch Leid bedeuten

9. März 20169. März 2016
Ein Faltblatt gibt Tipps zum Umgang mit Wildtieren. (©Landestierschutzbeauftragte Hessen / Erni/Fotolia.com)„Wildtiere brauchen in den aller seltensten Fällen menschliche Hilfe," sagt die Landestierschutzbeauftragte Hessen. Was tun kann, wer ein Wildtier findet – oder aber auch besser lassen sollte – erklärt ein Flyer, den Dr. Madeleine Martin zusammen mit der Landestierärztekammer Hessen herausgegeben hat. (mehr …)