Offener Brief: Was ist der Grund für den Imageverlust der Tierärzte?

Vom Heiler zum Arzneimittel-Dealer – wie konnte sich das Bild der Tierärzte überhaupt so wandeln, dass Solidaritätskundgebungen vor Zeitungsredaktionen nötig sind?, fragt Dr. Viola Hebeler. Sie vermisst eine deutliche Abgrenzung der Berufsverbände gegenüber Missständen in der Landwirtschaft – und auch gegenüber Fehlverhalten in den eigenen Reihen. Ein offener Brief.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

natürlich ist es schön zu sehen, dass es noch eine tierärztliche Solidarität gibt. Es stellt sich dennoch die Frage, warum diese Aktionen überhaupt nötig werden.

Wie wir alle wissen, ist das die Folge des zunehmend schlechter werdenden Ansehens der Tierärzteschaft in der Öffentlichkeit, wie es aus den negativen Berichten in allen Medien deutlich wird. (Die Medien sind nicht Verursacher, sie greifen nur Trends auf.)

Falsche Aussendarstellung

Wie aber konnte sich das öffentliche Bild überhaupt so vom Helfer und Heiler zum „Arzneimitteldealer” wenden?
Meiner Meinung nach ist es die direkte Folge einer falschen Außendarstellung. Im Falle des bpt scheint es die logische Folge der zu engen Verbindung zwischen bpt und Bauernverband, die Kritik an letzterem verhindert, sowie möglicherweise einer sehr großen Lobby der bestandsbetreuenden Kollegen innerhalb des Verbandes.
Ich bin sicher, dass ein übergroßer Anteil der deutschen Tierärzte „Factory Farming“ ebenso wenig befürwortet wie ihre britischen oder französischen Kollegen. Dies gilt vermutlich insbesondere, wenn diese Form der „Veredelungswirtschaft“ nicht mehr der Ernährung des eigenen Landes sondern dem Export oder der Geldanlage Hedge Fonds dient.

Zu wenig Differenzierung

Warum wird diese Form der Landwirtschaft von offizieller tierärztlicher Seite dennoch so vehement verteidigt?
Natürlich ist es anständig, immer „in dubio pro reo“ zu argumentieren, aber eine rechtzeitige Anerkenntnis des Faktes, dass in der modernen Landwirtschaft eben NICHT immer alles nur zum Besten steht und dass bedauerlicherweise auch vereinzelt Tierärzte dazu beitragen, hätte sicher geholfen, die unsäglichen Verallgemeinerungen zu vermeiden. Man mag zu recht die Medien kritisieren, die alle über einen Kamm scheren. Ihnen ist aber auch keine Differenzierung von unserer Seite angeboten worden! Immer wird nur propagiert, alles sei unter Kontrolle und stehe zum Besten.

Mal mit den Landwirten anlegen

Als Folge der kritischen Berichterstattung über die erbärmlichen Produktionsbedingungen des billigen Supermarktfleisches wurde erst die Öffentlichkeit unruhig und dann die Politiker. Um die Öffentlichkeit zu beruhigen, muss vermittelt werden, dass etwas getan wird. Sich mit den Landwirten anzulegen, ist immer schwierig. Die Tierärzte bieten sich als Sündenbock an, und sie machen es den Politikern leicht, da ja offenbar kein Unrechtsbewusstsein erkennbar ist. Eine Reglementierung von oben scheint also zwingend erforderlich (Stichworte: Task Force zur Apothekenkontrolle, Verlust des Dispensierrechtes).

Was ist so schwer daran, als offizielle Position auszugeben:

„Wir Tierärzte sind nicht schuld! Es sind die Haltungsbedingungen von großen Tierzahlen auf kleinstem Raum, die Krankheiten begünstigen. Wir sind nur in der Pflicht, allen kranken Tieren so gut wie möglich zu helfen. Wenn Ihr den Antibiotikaverbrauch senken wollt, ändert die Produktionsbedingungen, aber nehmt uns nicht die Möglichkeit, Tieren effektiv und schnell zu helfen.“

Wäre es nicht einfacher, scharfen Kontrollen der Handvoll Praxen mit einem riesigen Medikamentenumsatz zuzustimmen, gleichzeitig aber diese von den Praxen fernzuhalten, die sogar im Weltbild grüner Landwirtschaftsminister kein öffentliches Risiko darstellen? Das erscheint mir nicht unsolidarisch sondern an der Realität orientiert.

Falsche Solidarität

Ich habe ein Problem mit dem Solidaritätsbegriff des bpt. Warum erfährt ein Nicki Schirm und alle kleinen Großtierpraxen keine Solidarität des Berufsverbandes, wenn ihre Praxen durch die Billigverkäufe von Autobahntierärzten ruiniert werden? Warum wird mit dem Finger auf ihn gezeigt, nicht aber auf die Dumpingverkäufer? Das hat mit dem, was ich vor 30 Jahren als Kollegialität kennengelernt habe, nichts mehr zu tun.

Dr. Viola Hebeler
Fachtierärztin für Pferde
51580 Reichshof

 

Hintergrund dieses Briefes ist die öffentliche Debatte über die Artikelserie der ZEIT zu Antibiotikaresistenzen – hier nachzuvollziehen in der Berichterstattung auf wir-sind-tierarzt.de (chronologisch)

“Die Rache aus dem Stall” – Auftaktartikel der ZEIT bezeichnet “Tierärzte als Dealer” (19.11.2014)
#Tödliche Keime – die virale Verbreitung des Themas durch stiftungsfinanzierte Recherchen (20.11.2014)
Die Bundestierärztekammer wehrt sich gegen “Diffamierung und Kriminalisierung” des Berufstandes (21.11.2014)
Wie seriös arbeitet welches Medium – eine kleine Gegenüberstellung von Print und Online (22.11.2013)
Feindbild gesucht: Massentierhaltung statt Atomkraft – ein Kommentar von Annegret Wagner (23.11.2014)
bpt protestiert gegen “reißerischen” ZEIT-Artikel – Medien setzen Politik unter Druck (25.11.2014)
“Teufel” statt “Dealer” – ein weiterer ZEIT-Artikel über “Großveterinäre”, die die Massentierhaltung “am Laufen halten” (26.11.2014)
Dealer-Vorwurf entfällt – BTK und bpt halten weiteren Protest für nicht nötig (28.11.2014)
Tierarztprotest: Demo vor der ZEIT-Redaktion (29.11.2014)

Teilen
Über den Autor

Redaktion wir-sind-tierarzt.de

Unter dem Autorennamen "Redaktion wir-sind-tierarzt.de" veröffentlichen wir überwiegend kurze/aktuelle Nachrichten, die im Redaktionsalltag entstehen. Ein Namenskürzel am Textanfang weist ggf. näher auf den zuständigen Redakteur hin: jh – Jörg Held / hh - Henrik Hofmann / aw – Annegret Wagner Kontakt zur Redaktion: zentrale(at)wir-sind-tierarzt.de
Web Design MymensinghPremium WordPress ThemesWeb Development

Wildtiere: Hilfe kann auch Leid bedeuten

9. März 20169. März 2016
Ein Faltblatt gibt Tipps zum Umgang mit Wildtieren. (©Landestierschutzbeauftragte Hessen / Erni/Fotolia.com)„Wildtiere brauchen in den aller seltensten Fällen menschliche Hilfe," sagt die Landestierschutzbeauftragte Hessen. Was tun kann, wer ein Wildtier findet – oder aber auch besser lassen sollte – erklärt ein Flyer, den Dr. Madeleine Martin zusammen mit der Landestierärztekammer Hessen herausgegeben hat. (mehr …)