Keine Möpse in der Werbung

"Züchten um zu Atmen: Auch die British Veterinary Association startet eine Kampagne gegen Qualzuchtrassen.(Foto: © Screenshot BVA-Video)

Keine Tiere mit Qualzuchtmerkmalen als Werbeträger. Nach der deutschen Tierärzteschaft hat jetzt auch die British Veterinary Association eine Kampagne gegen brachyzephale Rassen gestartet. Die Tierärzte appellieren an Firmen und Prominente, die Nachfrage nach Tieren, die erkennbar leiden, nicht unnötig anzuheizen. Die Botschaft schafft es bis in die Deutschen Medien.

(jh) – Im Oktober 2016 startete die deutsche Tierärzteschaft eine Kampagne gegen Möpse, plattgesichtige Perserkatzen oder Französische Bulldoggen als Werbeträger. In einem Offenen Brief forderten fünf Tierarztverbände von Unternehmen, nicht mehr mit diesen und anderen Qualzuchtrassen zu werben: Die niedlichen Kindchenschema-Merkmale der kurznasigen Tiere bedienten ausschließlich Modetrends. Die Gesundheit der Tiere rücke vollkommen in den Hintergrund. Über kurz oder lang würden sie krank – ausgeprägtestes Merkmal: Atemnot.

Mit der Kampagne unter dem Twitter-Hashtag #breedtobreathe („Züchten um zu atmen“) will jetzt auch der britischen Tierärzteverband (BVA) den Trend zum krank gezüchteten Hund stoppen. Der Tenor ist identisch mit den deutschen Anstrengungen:
Weniger als zehn Prozent aller Halter seien in der Lage, die gesundheitlichen Leiden ihrer Tiere zu deuten. „Diese Tiere haben wirklich Schwierigkeiten, Luft in ihre Lungen zu bekommen, aber viele Besitzer erkennen dieses Problem nicht“, sagte der BVA-Präsident John Fishwick der BBC. Das Röcheln der Tiere hielten die Halter einfach „für normales Atmen“.

Erste Checkliste für das Qualzuchtsymptom „Brachyzephalie“. (Ausschnitt BTK-Faltblatt / ©BTK)

Britische Kampagne in deutschen Medien

Die britische Kampagne führte zu Berichten über die Gesundheitsprobleme von brachycepahlen auch in Deutschen Medien – etwa im Deutschlandfunk (hier) oder der Süddeutschen Zeitung (hier). Leider wird die Aktion der deutschen Tierarztverbände nicht erwähnt. Die haben bisher ein Informationsfaltblatt für Tierhalter veröffentlicht (Bericht hierFaltblatt-Download hier).

Titelseite des „Qualzucht“-Flyers der BTK – PDF-Download durch Klick auf das Foto. (©BTK)

Trendsetter befeuern Nachfrage nach Qualzuchttieren

Die britischen Tierärzte sehen in putzigen Tiervideos und Werbefilmen einen wesentlichen Grund für die hohe Nachfrage nach bestimmten Hunderassen – und benennen auch Beispiele: So wirbt etwa „Heinz Beanz“ mit bettelnd dreinblickenden Möpsen für seine Bohnen. Lady Gaga zeigt sich auf Instagram häufig mit ihren französischen Bulldoggen, und Youtuber wie Zoella erreichen mit der Inszenierung ihrer Hunde als niedliche Gadgets ein Millionenpublikum.
Die BVA fordert nun über die sozialen Medien dazu auf, große Marken auf die Problematik aufmerksam zu machen – mit ersten Erfolgen: Die Lebensmittelmarken Heinz und Costa sowie die Bank Halifax haben erklärt, künftig auf Werbung mit kurzköpfigen Hunden zu verzichten.

Bulldogge mit Qualzuchtmerkmalen als Diät-Testemonial– Screenshot aus einem ARD Werbeblock.

Bewußtsein wecken – nicht anprangern

Die deutschen Tierarztverbände hatten bereits 2016 ganz direkt Firmen angeschrieben, die in Anzeigen, TV-Spots oder auf Produkten, Tiere/Bilder von Qualzuchtrassen eingesetzt haben. Da sie aber Bewusstsein und Einsicht wecken und niemand an den Pranger stellen wollten, hatten sie in der Medienarbeit auf konkrete Namensnennungen verzichtet. Das galt insbesondere für Unternehmen aus der eigenen Branche, die mit diesen Rassen für Gesundheitsprodukte und Futtermittel für Tiere werben. Einige Unternehmen haben daraufhin diese Art der Werbung beendet, etwa die Kölner Verkehrsbetriebe.

BTK: Qualzuchten den Kampf ansagen

In Deutschland hat sich mit der Arbeitsgruppe „Qualzuchten“ unter dem Dach der Bundestierärztekammer ein Gremium formiert, dass sich aus Vertretern aller großen Veterinärverbände – Bundestierärztekammer (BTK), Bundesverband praktizierender Tierärzte (bpt), Bundesverband der beamteten Tierärzte (BbT), Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (TVT) sowie die Deutsche Veterinärmedizinische Gesellschaft (DVG) mit der Gesellschaft für Kleintiermedizin (DGK-DVG) – zusammensetzt.
Vor dem Hintergrund ihres Berufsethos und ihres Fachwissens sollen Tierärzte jeder Form von Zucht, die zu Schmerzen, Leiden und Qualen führt, den Kampf ansagen. So hatte es der 27. Deutschen Tierärztetag beschlossen.

Kurzköpfige Hunde auf dem Vormarsch

Nach Zahlen des britischen Hundehaltervereins Kennel Club ist die Zahl der kurzköpfigen Hunde in den vergangenen zehn Jahren rasant angestiegen. Die Zahl der Französischen Bulldoggen haben sich in Großbritannien seit 2006 auf mehr als 20.000 pro Jahr verdreißigfacht, die der Englischen Bulldoggen und Möpse mehr als verdoppelt (beide etwa 10.000 Registrierungen pro Jahr). In Deutschland gebe es keine so detaillierten Statistiken, schreibt die Süddeutsche Zeitung.
Laut BVA sind diese drei Rassen nicht nur für Kurzatmigkeit anfällig, ihnen drohen auch Sehprobleme, Hautkrankheiten, Zahnschmerzen und Übergewicht. Einige Hundekörper sind so deformiert, dass sie auf natürlichem Weg keinen Nachwuchs zur Welt bringen können, es bleibt nur ein Kaiserschnitt.

„Nicht süß, sondern gequält“ – BTK über Qualzucht bei Mops & Co

Quellen:
Süddeutsche Zeitung
Bulldogge und Mops – Tierärzte warnen vor Problemen (Deutschlandfunk)
Bulldoggen sollen aus der Werbung verschwinden (süddeutsche.de)

Qualzucht-Pressemeldung der Bundestierärztekammer (2016)
„Kurznasen und  Glubschaugen – nicht süß, sondern gequält – Informationsblatt zu Qualzuchten (BTK/PDF-Download)

Teilen
Über den Autor

Jörg Held

Jörg Held (jh) ist Journalist, Kommunikationswirt und Redaktionsberater mit 30 Jahren Berufserfahrung. Seit 2007 auch im Bereich Tiermedizin unterwegs, davon 5 Jahre als Redaktionsleiter der VETimpulse. Auch bei wir-sind-tierarzt.de leitet er die Redaktion und ist schwerpunktmäßig für berufspolitische Themen und die Nachrichten verantwortlich. Kontakt: joerg.held(at)wir-sind-tierarzt.de
Web Design MymensinghPremium WordPress ThemesWeb Development

Wildtiere: Hilfe kann auch Leid bedeuten

9. März 20169. März 2016
Ein Faltblatt gibt Tipps zum Umgang mit Wildtieren. (©Landestierschutzbeauftragte Hessen / Erni/Fotolia.com)„Wildtiere brauchen in den aller seltensten Fällen menschliche Hilfe," sagt die Landestierschutzbeauftragte Hessen. Was tun kann, wer ein Wildtier findet – oder aber auch besser lassen sollte – erklärt ein Flyer, den Dr. Madeleine Martin zusammen mit der Landestierärztekammer Hessen herausgegeben hat. (mehr …)