Neue WHO-Richtlinien: Schluss mit Antibiotika als Wachstumsförderer

Weltweit immer noch üblich: Antibiotika als Wachstumsförderer oder prophylaktisch gegeben. Die WHO fordert die Staaten auf, das zu beenden. (Foto: © WiSiTiA/hh)

Wenn nicht gehandelt wird, könnten im Jahr 2050 die bisher auf dem Markt befindlichen Antibiotika wirkungslos sein. Deshalb hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Richtlinien Forderungen für den Antibiotikaeinsatz bei Nutztieren weltweit formuliert. Deutschland setzt die Vorgaben bereits um. Was bleibt dennoch zu tun?

Beitrag im Rahmen der „Antibiotic Awareness Week 2017“

(aw/jh/WHO) – Der WHO-Slogan lautet: „No action today, no cure tomorrow“. Mit den im November 2017 vorgestellten Richtlinien zum Umgang mit Antibiotika bei lebensmittelliefernden Tieren (PDF-Download hier) formuliert die Weltgesundheitsorganisation deshalb, was aus ihrer Sicht in der Tiermedizin getan werden muss, damit Antibiotika wirksam bleiben.
Die zentrale Forderung lautet: Nutztierhalter müssen darauf verzichten, Antibiotika routinemäßig als Wachstumsförderer und zur Prophylaxe bei gesunden Tieren einzusetzen. Beides ist – anders als in Deutschland – in weiten Teilen der Welt noch üblich. Außerdem sollen die WHO-Mitgliedsstaaten die Rolle des Tierarztes stärken – Stichwort „Verschreibungspflicht“.

Wider den Missbrauch weltweit

Für die WHO ist „ein übermäßiger und missbräuchlicher Antibiotikaeinsatz bei Mensch und Tier“ verantwortlich für den deutlichen Anstieg antimikrobieller Resistenzen. Tierärzte und Tierhalter sollten deshalb „die kostbaren Medikamente für kranke Tiere reservieren und auch dann nur Antibiotika auswählen, die für die Humanmedizin nicht wichtig sind.“
Rechtlich bindend sind die WHO-Empfehlungen nicht. Die Mitgliedstaaten, sollen aber darauf basierend nationale Regelungen beziehungsweise Standards formulieren.

Die vier Forderungen der WHO

Ihre Empfehlungen hat die WHO in vier Punkte gegliedert, wobei sie für die Einstufung der Antibiotika die „critically“-Bezeichnungen verwendet (Erklärung: siehe diese Info-Grafik).

  1. Die WHO empfiehlt, den Einsatz sämtlicher Antibiotika-Klassen mit humanmedizinischer Relevanz in der Tiermedizin generell zu reduzieren.
  2. Die WHO empfiehlt, in der Tierhaltung auf alle humanmedizinisch wichtigen Antibiotika als Wachstumsförderer vollständig zu verzichten.
  3. Die WHO empfiehlt, auf alle Behandlungen mit für die Humanmedizin wichtigen Antibiotika-Klassen zu verzichten, wenn eine Infektion klinisch noch nicht diagnostiziert wurde (sogenannte „Prophylaxe“).
    Diese Empfehlung enthält eine Ausnahme: Wenn der „zuständige, qualifizierte Bestandstierarzt, der die Infektionslage des Betriebes kennt“, im begründeten Fall zu einer prophylaktischen Behandlung rät, darf diese auch erfolgen.
  4. A) Antibiotika, die als Critically Important für die Humanmedizin eingestuft wurden, sollten nicht mehr verwendet werden dürfen, um die potentielle Ausbreitung einer bekannten Infektion in der ganzen Tiergruppe zu vermeiden (Metaphylaxe).
    B) Antibiotika, die als Highest Priority Critically Important (HPCIA) für die Humanmedizin eingestuft wurden, sollten selbst nach diagnostizierter Infektion nicht mehr bei lebensmittelliefernden Tieren eingesetzt werden.
    Auch hier nennt die WHO Ausnahmen: Wenn ein Tierarzt(!) die Krankheit feststellt und es keinen anderen Wirkstoff für die Behandlung gibt, darf er auf HPCIAs zurückgreifen. Das Gleiche gilt für die Behandlung noch nicht erkrankter Tiere in einem infizierten Bestand durch einen Tierarzt, um so eine Ausbreitung der Infektion zu vermeiden.

Mehr zum Unterschied zwischen „Reserve-Antibiotika“ und „Highest Priority Critically Important Antimicrobials“ (HPCIA) lesen Sie hier

Neue Antibiotika den Menschen vorbehalten?

Besonders restriktiv sind die WHO-Empfehlungen bei allen neuen Antibiotika oder Antibiotikakombinationen, die für die Humanmedizin künftig zugelassen werden. Die nationalen Behörden sollten diese Wirkstoffe automatisch als Critically Important einstufen – es sei denn, die WHO kommt zu einem anderen Schluss.
Darüber hinaus empfiehlt die Expertenkommission der WHO, dass (wichtige) Antibiotika, die derzeit noch nicht für die Tiermedizin zugelassen sind, auch in Zukunft nicht für Tiere zugelassen werden sollten.
Hier zeigt sich der Europäische Tierärzteverband (FVE) besorgt: Auch für die Behandlung von Tieren müssten neue Antibiotika verfügbar sein. Für Tiere würden solche Produkte ebenfalls dringend benötigt.   

Weltweit steigt Antibiotikaeinsatz bei Tieren

Für das Expertengremium der WHO ist die Kontrolle des Antibiotikaeinsatzes in der Tiermedizin aus drei Gründen wichtig:

  1. In der Tierhaltung kommen fast die identischen Wirkstoffe zum Einsatz wie in der Humanmedizin. Das fördert die Resistenzbildung und -übertragung.
  2. Die Menge der weltweit eingesetzten Antibiotika, inklusive Wachstumsförderern werde weiter deutlich ansteigen, da die Nachfrage nach tierischem Eiweiß weiter steigt.
  3. Krankheiten durch Lebensmittelinfektionen gelten vor allem bei Kindern schon heute als eine der häufigsten Todesursachen.

Die WHO-Kommission betont darüber hinaus, wie wichtig Hygienemaßnahmen und Biosicherheit sind. Auch rät sie zu zum Einsatz von Impfstoffen, um behandlungbedürftigen Infektionen vorzubeugen. Außerdem sollten die nationalen Behörden den Antibiotika-Verbrauch erfassen und ein System zum Monitoring von Antibiotikaresistenzen aufbauen. Deshalb sollten Tierärzte beim Antibiotikaeinsatz Antibiogramme erstellen – gerade bei Verwendung von HPCIAs.
Solche Überwachungssysteme gibt es in vielen europäischen Ländern bereits heute. In Deutschland ist das staatliche Antibiotikamonitoring seit 2014 gesetzlich verankert. Eine Antibiogrammpflicht könnte 2018/19 beschlossen werden.

Verschreibungspflicht für Antibiotika gilt nicht überall

Bei der Umsetzung der Richtlinien ist für die WHO-Experten ein Aspekt wichtig: In vielen Staaten sind Antibiotika frei verfügbar und werden ohne tierärztliche Kontrolle/Diagnose eingesetzt. Die WHO fordert deshalb, das Tierhalter Zugang zu tierärztlichen Fachkräften haben müssten, weil diese die Entscheidungen über den Einsatz von Antibiotika bei Nutztieren treffen sollten.
Das klingt speziell für Deutschland, wo es eine Verschreibungspflicht gibt, fremd. Aber selbst in Europa ist das noch nicht überall selbstverständlich. Erst das in 2019 europaweit verpflichtend umzusetzende neue EU-Tierarzneimittelrecht wird die Verschreibungspflicht durch einen Tierarzt für die von ihm behandelten Tiere enthalten – speziell für Antibiotika, Hormone und Impfstoffe.

Europa führend – aber noch nicht am Ziel

Für viele Regionen der Welt – dessen ist sich die WHO bewußt – ist die Umsetzung der Antibiotika-Richtlinien mit signifikanten Veränderungen der bisherigen Einsatzmedthoden in der Nutzttierhaltung verbunden. Für Europa aber gilt, dass die meisten Staaten bereits jetzt die Punkte aus der WHO-Liste im Wesentlichen umgesetzt haben.

  • Der Einsatz von Antibiotika als Leistungsförderer ist in der EU schon seit über zehn Jahren verboten. Ebenso sind prophylaktische Antibiotikagaben (z.B. Einstallprophylaxe) nicht mehr üblich. Die Antibiotikaleitlinien der Bundestierärztekammer schließen einen prophylaktischen Einsatz praktisch aus (Ausnahme: OP und immunsuprimierte Patienten) und definieren auch die Metaphylaxe eng. Beides wäre aber unter Aufsicht eines Tierarztes laut WHO-Richtlinie sogar noch zulässig.
  • Auch die WHO-Forderungen zum Einsatz der „kritischen“ Antibiotika sind erfüllt: In Deutschland erfolgen antibiotische Behandlungen entweder durch den Tierarzt selbst oder in direkter Absprache mit ihm (Abgabe verordneter Medikamente mit Dosierungsvorgaben, in der Regel in Verbindung mit einem Bestandsbetreuungsvertrag). In dieser Konstellation dürfen Tierärzte auch laut WHO-Richtlinie im begründeten Falle (in der Regel Antibiogramm oder Kenntnis der Erregersituation) alle Antibiotika einsetzen – auch die, die als HPCIA eingestuft sind.
  • Beim Thema Antibiotikamonitoring hat die EU im Oktober aktuelle Zahlen vorgelegt (Details hier). Sie melden von 2011 bis 2015 einen EU-weiten Rückgang von 13 Prozent. In Deutschland haben Tierärzte und Tierhalter von 2011 bis 2016 die eingesetzte Antibiotikamenge sogar um mehr als die Hälfte reduzieren können (minus 56,4 Prozent – Details hier). 2016 waren es noch 742 Tonnen.
    Zum Vergleich: Weltweit werden in der Nutztierhaltung zurückhaltend geschätzt über 63.000 Tonnen eingesetzt, Tendenz weiter deutlich steigend und nicht rückläufig wie in Europa.

wir-sind-tierarzt.de meint:
Mehr auf Second-Line-Prinzip achten

Die Richtlinien der WHO zum Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung bieten eine gut gebündelte Orientierung, um die wesentlichen Aspekte im Kampf gegen Antibiotikaresistenzen im Blick zu haben. Aber sie richten sich eben weltweit an alle Mitgliedstaaten. Deshalb enthalten sie Punkte, die in Deutschland und Europa längst Standard sind.
Dadurch wird aber zugleich auch deutl
ich, dass die ganz großen Baustellen beim Thema Antibiotikaeinsatz und Resistenzbildung nicht in deutschen Ställen liegen – Resistenzen halten sich aber leider nicht an Staatsgrenzen.

Hierzulande sind die WHO-Forderungen bereits jetzt im Großen und Ganzen umgesetzt: Wachstumsförderer verboten, Prophylaxe in den BTK-Antibiotika-Leitlinien praktisch ausgeschlossen, Metaphylaxe definiert und Antibiotikamonitoringsystem etabliert. Das bedeute aber nicht, dass wir mit dem Status quo so zufrieden sein sollten.
Eine weitere deutliche Reduzierung der Antibiotikamengen – über die bereits jetzt erreichte Halbierung um mehr als 50 Prozent hinaus – ist nicht zu erwarten. Eine Bodenbildung ist in Sicht und das ist auch akzeptabel: Ein gewisses Maß an behandlungswürdigen Erkrankungen wird es in der Tierhaltung – genau wie beim Menschen – immer geben.
Deshalb gilt es den politische Fokus neu zu justieren: Weg vom Tonnen zählen hin zu einem klugen Resistenzmonitoring – wie es die WHO fordert. Dann ist es Tierärzten möglich, Antibiotika zielgenauer einzusetzen, so die Resistenzbildung zu minimieren und Tiere dennoch weiter auch mit „kritischen“ Wirkstoffen zu behandeln, wenn es denn nötig ist. 

Woran Tierärzte weiter arbeiten müssen, ist eben dieser reduzierte Einsatz der Highest Priority Critically Important Antimicrobials (HCIA) und der WHO-„Reserveantibiotika“ (Erklärung Unterschied hier). Bei diesen Wirkstoffen muss noch stärker auf das „Second-“ oder gar „Third-Line-Prinzip“ geachtet werden: Ist ihr Einsatz tatsächlich notwendig (idealerweise durch Antibiogramm belegt) oder lässt sich das Therapieziel auch mit gut wirksamen, aber als weniger „wertvoll“ eingestuften Medikamenten erreichen.

Quellen/weiterführende Links:
WHO-Richtlinien zum Umgang mit Antibiotika bei lebensmittelliefernden Tieren (11/2017 – PDF-Download)
Stellungnahme des Europäischen Tierärzteverbandes (FVE) zu den WHO-Richtlinien (11/2017 – Englisch/PDF-Download) oder in der deutschen Übersetzung auf der bpt-Webseite

OIE: Welche Länder setzen Antibiotika noch als Wachstums/Leistungsförderer ein

Antibiotika-Leitlinien der Bundestierärztekammer (PDF-Download)

Beitrag im Rahmen der „Antibiotic Awareness Week 2017“

 

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