US-Professor kritisiert: Nutztierhalter verstehen Kern der Animal-Welfare-Debatte nicht

Sehr große Euter und zugleich ein, vor allem in Laienaugen, ausgemergelter Körperbau – der Anblick hochleistender Milchkühe sorgt für Unbehagen. (Foto: © WiSiTiA / aw)

Die Milchviehhalter in den USA verstehen die Anforderungen der gesellschaftlichen Animal-Welfare-Debatte nicht. Bernard Rollin, Professor für Philosophie, Nutztierwissenschaften und Bioethik, geht mit der Branche hart ins Gericht: Wertedebatten könne man nicht allein mit empirischen oder wissenschaftlichen Konzepten begegnen.

zusammengefasst von Annegret Wagner

Vorbemerkung: Der Begriff „Animal Welfare“ wird üblicherweise mit „Tierwohl“ übersetzt. Gerade im Zusammenhang mit den hier zusammengefassten Überlegungen von Prof. Bernard  Rollin, zeigt sich aber, dass „Tiergerechtheit“ zutreffender ist. In Deutschland herrscht mittlerweile eine gewisse Ratlosigkeit, was Tierwohl denn eigentlich sei und wie es definiert werden kann (siehe auch hier: „Kein Tierwohl ohne Tiergesundheit“). Wenn es etwa darum geht Haltungsvorschriften vorzugeben, ist „tiergerecht“ ein wesentlich sinnvollerer Denkansatz als Tierwohl.
Den vollständigen Kommentar des Professors für Philosophie, Nutztierwissenschaften und Bioethik an der Colorado State University, Bernard Rollin (mehr über ihn hier), lesen Sie auf der Internetseite bovinevetonline (englisch).

Versteht Landwirtschaft das Prinzip Tiergerechtheit?

In der industriellen Landwirtschaft wird das Konzept der Tiergerechtheit nicht wirklich verstanden. Das zumindest ist die Ansicht von Professor Bernard Rollin, denn Tiergerechtheit basiere nicht nur auf empirischen oder wissenschaftlichen Konzepten. Es handele sich vielmehr um eine wertebeladenes Konzept, das vor allem auf ethischen Beurteilungen beruht und nicht auf der Sammlung von Fakten. Im Zentrum stehe nicht so sehr die Frage, wie wir Nutztiere in einschränkenden Haltungssystemen (zum Beispiel reine Stallhaltung) aufziehen und halten, sondern ob wir Tiere überhaupt so halten sollten?

Tierethikprofessor Bernhard Rollin: Im Zentrum steht die Frage, ob wir Tiere überhaupt so halten sollten, wie wir sie halten? (Foto: © Colorado State University)

Wann geht es einem Tier „wohl“?

Bevor man sich überhaupt überlegen könne, ob es einem Tier im Sinne von Wohlergehen gut geht, stellt sich für Rollin daher zunächst die Frage: Was gehört für die entsprechende Tierart zum Wohlergehen? Die Antwort geben Tierhalter oder auch Tierschützer häufig aus der Perspektive, was sie glauben, dem Tier in welchem Umfang zu schulden. Dabei bedeutet die Frage nach der Tiergerechtheit, ob wir (als Gesellschaft) das Gefühl haben, dass das Tier das bekommt, was wir meinen das es bekommen sollte und was es aufgrund seiner Natur und seiner Bedürfnisse verdient.

„Tiergerechtheit“ und die ethische Perspektive

Damit wird klar: Das, was als Tiergerechtheit gewertet wird, hängt vom ethischen Wertemodell der Person ab, die (sich) die Frage stellt. Auf der einen Seite wird in der Agrarbranche machmal argumentiert: Einem Tier, das eine hohe Leistung erbringen kann, müsse es automatisch auch gut gehen. Auf der anderen Seite hat das British Farm Animal Welfare Council seine Definition von Tiergerechtigkeit an den Fünf Freiheiten festgemacht.

  1. Freiheit von Hunger und Durst
  2. Freiheit von Unbequemlichkeit (Haltungsbedingungen)
  3. Freiheit von Schmerzen, Verletzungen und Krankheiten
  4. Freiheit zum Ausleben normalen Verhaltens
  5. Freiheit von Angst und Leiden

Zwischen beiden kann man nicht allein mit wissenschaftlichen Argumenten entscheiden. Wenn es um Tiergerechtheit geht, ist das, was als verlässliche Wissenschaft bewertet wird, von der persönlichen Perspektive abhängig. Da es aber unzählige Ansichten zur Tiergerechtheit gibt, stellt sich die Frage: Wessen Perspektive ist vorrangig?

Die Perspektive der Gesellschaft entscheidet

Die Antwort auf diese Frage ist nach Ansicht von Prof. Rollin offensichtlich: Entscheidend ist die Perspektive der Gesellschaft/des Verbrauchers, basierend auf der vorherrschenden sozialen Einstellung was wir den Tieren moralisch schulden.
Die Milchindustrie (der gesamte Agrarsektor) muss diese ethische Perspektive der Gesellschaft verstehen. Nur dann kann sie sich ernsthaft mit deren Bedenken im Hinblick auf die Tiergerechtheit auseinander setzen.
Um die Einstellung der Gesellschaft im Bezug auf Tierhaltung mit zu gestalten, ist es nötig, der Öffentlichkeit zu erklären, warum Tiere wie gehalten werden. Stattdessen erzeugt die Branche aber immer noch mit unrealistischen Werbespots ein falsches Bild in den Köpfen der Verbraucher. Doch auch Aufklärung kann gesellschaftliche Grunderwartungen letztlich nicht verändern (Bericht hier: „Aufklärung hilft nicht“).

Weidegang ist Pflicht

Rollin weist darauf hin, dass in den Köpfen der Verbraucher durchaus der Gedanke verankert ist: Landwirte haben in den letzten 12.000 Jahren nach dem Prinzip der guten Tierhaltung gearbeitet und dadurch große Fortschritte in der Landwirtschaft möglich gemacht. Dennoch gibt es Grunderwartungen. So gehört für die Gesellschaft die Weidehaltung von Rindern unumstößlich zu den Grundprinzipien einer tiergerechten Haltung. Daher haben Verbraucher auch ein Problem mit der ganzjährigen Stallhaltung von Milchkühen auf Betonböden (genau wie mit Hühnern in Käfigen oder Schweinen auf Vollspaltenböden oder in Kastenständen). In der Konsequenz werde sich diese Haltungsformen auf Dauer nicht durchhalten lassen. Ein Aspekt, den das schwedische Parlament für Kühe bereits im Jahr 1989 in seinem Tierschutzgesetz aufgegriffen und Rindern unbefristet ein Recht auf Grasen zugesprochen hat.

Gehört für Verbraucher unbedingt zur „guten“ Milchkuhhaltung Weidegang. (Foto: © WiSiTiA/aw)

Zucht auf Höchstleistung nicht akzeptabel

Im Prinzip gibt es für Bernard Rollin zwei wesentliche Erwartungen, die als Grundsätze für eine gute Tierhaltung gelten:

  • Nutztiere müssen ihr Leben im Einklang mit ihren biologischen und psychologischen Anforderungen führen können.
  • Sie dürfen so wenig wie möglich beziehungsweise gar keine Schmerzen haben.

Somit sei zum Beispiel die einseitige Zucht von Kühen auf Milchleistung, die zu Fruchtbarkeitsproblemen, Lahmheiten und weiteren Gesundheitsbeeinträchtigungen beiträgt nicht mehr akzeptabel; noch dazu, weil die Lebenserwartung stark abgenommen habe.

Kuhkomfort verbessern reicht nicht

Rollin findet daher Bestrebungen, den Tierkomfort in Kuhställen zu verbessern, zwar lobenswert, er hält sie aber nicht für ausreichend. Stattdessen fordert er deutlichere Anstrengungen in Richtung „Gute Tierhaltung“ und Respekt gegenüber den Tieren. Die gnadenlosen Bestrebungen, die Milchleistung weiter auf Kosten der Lebensqualität der Kühe zu erhöhen, müsse beendet werden. Es sollte nur noch auf Milchleistungen gezüchtet werden, die die Kühe ohne Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität erbringen können.

Aus Fehlern lernen

Als weiteres Beispiel dafür, wie weit sich die Milchindustrie schon von Tierschutzprinzipen entfernt hatte, nennt Rollin das Schwänzeamputieren bei Milchkühen. Das wurde in den USA lange Zeit ohne wissenschaftliche Basis praktiziert und erst nach massiven Verbraucherprotesten und Stellungnahmen aus der Tierärzteschaft beendet.
Lange Jahre habe die Landwirtschaft beklagt, dass die Öffentlichkeit nicht weiß, woher ihre Nahrung kommt. Jetzt beginnt die Öffentlichkeit sich dafür zu interessieren – und ihr gefällt vielfach nicht, was sie über die Produktionsmethoden erfährt.
Rollin rät daher der Milchindustrie, sich intensiv mit den Problemen auseinander zu setzen, die die moderne Tierhaltung mit sich bringt. Die Branche müsse zwingend nach technischen und ökonomischen Lösungen zu suchen.

Veränderung aktiv gestalten

Der Historiker Calvin Schwabe hat dazu einen berühmten Satz formuliert: „Die Kuh ist die Mutter der Menschheit, aber so wie üblicherweise in der Branche mit Kühen umgegangen wird, behandelt man seine Mutter nicht.“
Für Rollin ist eine selbst auferlegte Veränderung der Milchproduktion allemal besser, als wenn der Gesetzgeber Bedingungen diktiert. Da sich die Normen der Gesellschaft stetig verändern, ist es für Rollin nur vernünftig ist, sich rechtzeitig anzupassen, anstatt auf verlorenem Posten um vermeintliche Produktionsvorteile zu kämpfen.
Die Geschichte liefere genügend Beispiele dafür, dass ein (weltweiter) gesellschaftlicher Wertewandel Branchen (Tabakindustrie) und sogar Staaten (Südafrika/Apartheid) verändert.

Quelle:
Gastkommentar des Philosophieprofessors, Nutzierwissenschaftlers und Bioethikers, PhD Bernard Rollin: „Animal Welfare in the Dairy Industry“ (bovinevetonline.com)

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Über den Autor

Annegret Wagner

Dr. Annegret Wagner (aw) hat in Gießen Tiermedizin studiert und arbeitet seit 1991 in der Großtierpraxis; seit 2005 niedergelassen in eigener Praxis mit Schwerpunkt Milchrind im Raum Rosenheim. Seit 2006 arbeitet sie auch als tiermedizinische Fachjournalistin. So hat sie für die VETimpulse die Nutztierthemen betreut und übernimmt diese Aufgabe auch bei wir-sind-tierarzt.de. Um nicht zum Mia-san-mia-Bayer zu mutieren, schaut sie intensiv über den Alpenrand hinaus, vorzugsweise ins englischsprachige Ausland. Kontakt: annegret.wagner(at)wir-sind-tierarzt.de
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