Neue Zahlen: Antibiotikaeinsatz in der Tiermedizin sinkt weiter

Viel weniger rot: Die eingefärbten Karten visualisieren den deutlichen Rückgang des Antibiotikaeinsatzes in der Tiermedizin (links: 2012 / rechts: 2016 – Unterteilung nach Postlitzahlgebieten © Karten BVL / Montage WiSiTiA)

Minus 964 Tonnen oder 56,5 Prozent – binnen sechs Jahren hat sich die Antibiotikamenge in der Tiermedizin mehr als halbiert. Statt 1.706 Tonnen im Jahr 2011 waren es 2016 nur noch 742 Tonnen, meldet das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Trotzdem folgt fast reflexartig der Vorwurf des „Missbrauchs von Reserveantibiotika in Ställen“. Wir ordnen die Gesamtzahlen ein – auch im Vergleich mit den Mengen in der Schweine-/Geflügelhaltung – und sorgen für Begriffsklarheit.

Eine Einordnung von Jörg Held

Von 2015 auf 2016 ging die Gesamtmenge der an Tierärzte abgegebenen Antibiotika um weitere 63 Tonnen (8 %) zurück. Insgesamt hat sich die Menge seit 2011 mehr als halbiert (siehe Tabelle). Das sagt die Auswertung der inzwischen über sechs Jahre erhobenen Abgabemengendaten für Antibiotika durch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL-Originalmeldung hier).
Das Bundeslandwirtschaftsministerium wertet dies als Beleg, dass „das staatliche Antibiotika-Minimierungskonzept wirkt“ und auch Niedersachsen Grüner Landwirtschaftsminister Christian Meyer lobt den Rückgang – mit einem Seitenhieb.

Positive Entwicklung mit Seitenhieb: Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) lobt den Rückgang des Antibiotikaeinsatzes in der „Massentierhaltung“. (Quelle: Twitter)

Gleichzeitig „kontern“ aber BUND und Germanwatch mit Pressemeldungen, in denen sie die „Daten der Industrie“ anzweifeln und versuchen eine Debatte über ein „Verbot von Reserveantibiotika“ und den „Arzneimittelmissbrauch in der Massentierhaltung“ loszutreten.

Tiermedizin setzt kontinuierlich weniger Antibiotika ein

Fakt ist, insgesamt geht der Antibiotikaeinsatz in der Tiermedizin seit 2011 kontinuierlich und deutlich zurück: von 1.706 auf 742 Tonnen.
Richtig ist auch, dass man die Mengen bei den „kritischen“ und bei den „Reserveantibiotika“ weiter reduzieren muss. In der politischen Debatte und insbesondere bei den NGOs ist aber selten klar definiert, welche Wirkstoffe überhaupt wo einzuordnen sind.

Entwicklung der deutschen Antibiotikaabgabemengen in der Tiermedizin von 2011 bis 2016. (Tabelle: © BVL)

Was sind überhaupt „Reserveantibiotika“?

Um die BVL-Zahlen – und die Pressemeldungen der NGOs dazu (siehe Linkliste unten) – einordnen zu können, ist es deshalb wichtig, zunächst die Begriffe eindeutig zu definieren und auch die Monitoringsysteme zu kennen.

  • Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat 2017 erstmals(!) namentlich die Wirkstoffe benannt, die sie in der Humanmedizin ausdrücklich als „Reserveantibiotika“ bezeichnet – die Tiermedizin setzt davon nur zwei ein: Colistin und die Cephalosporine der 4. Generation.

Mehr lesen: Einstufung der WHO – das sind die Reserveantibiotika der Humanmedizin

  • Daneben gibt es eine zweite Klasse („Watch“). Sie enthält Wirkstoffe mit besonderer Bedeutung für die Therapie beim Menschen (Critically Important Antimicrobials for Human Medicine / CIA). Deren Einsatz – und vor allem die Resistenzentwicklung – soll weltweit in Human-(!) und Tiermedizin überwacht werden.

Wie überwacht Deutschland den Antibiotikaeinsatz in der Tiermedizin?

Deutschland hat für die Tiermedizin drei Überwachungsysteme etabliert:

  • Die vorliegenden BVL-Zahlen erfassen seit 2011 jährlich die Gesamtmenge der an Tierärzte abgegebenen Antibiotika.
  • Das staatliche Antibiotikamonitoring weist seit dem zweiten Halbjahr 2014 jeweils halbjährlich die Therapiehäufigkeit bei Masttieren aus (mehr Informationen hier)
  • Das privatwirtschaftliche QS-Antibiotikamonitoring liefert quartalsweise sowohl  Therapiehäufigkeitsdaten (seit 2012) als auch Mengen (ab 2014) für die Schweine und Geflügelmast (Zahlen siehe unten).

Alle diese Daten belegen einen deutlichen Rückgang des Antibiotikaeinsatzes in der Tiermedizin.
Für die Humanmedizin gibt es keine vergleichbar genaue Datenerfassung und damit auch keine verlässlichen Mengenangaben.

Die Einleitung zum aktuellsten GERMAP-Bericht (2015) kritisiert ausdrücklich, dass „in der Humanmedizin der Anteil der Antibiotika mit einem breiten Wirkungsspektrum am Gesamtverbrauch – mit den Cephalosporinen und Fluorchinolonen an der Spitze – nach wie vor sehr hoch ist.“ Diese Wirkstoffe übten „einen besonders hohen Druck zugunsten der Selektion multiresistenter Erreger aus“. Je nach Quellenlage bedeutet dies, das etwa 200 bis 300 Tonnen der Humanantibiotika diesen „kritischen“ Klassen zuzuordnen wären.
In der Tiermedizin haben Fluorchinolone und Cephalosporine der 3./4. Generation noch einen Anteil von 1,7 Prozent an der Gesamtmenge: 12,7 von 742 Tonnen.

Welche Reserveantibiotika setzt die Tiermedizin ein?

Aus der Gruppe der „Reserveantibiotika“ gemäß WHO-Definition werden in der Tiermedizin nur zwei der acht dort genannten Wirkstoffe (siehe Tabelle) eingesetzt – und deren Mengen kontinuierlich reduziert:

Erste offizielle Liste der WHO mit „Reserveantibiotika“ der Humanmedizin. (Tabelle: © WHO)

  • Cephalosporine der 4. Generation: 2016 noch 1,1 statt 1,5 Tonnen in 2011 (-26,5 %).
  • Colistin (Polypeptidantibiotika): 2016 noch 69  statt 127 Tonnen in 2011 (-45,5 %).

Colistin ist ein Sonderfall. Dass es in der Tiermedizin noch in vergleichsweise großen Mengen eingesetzt wird, hat folgenden Hintergrund (Details hier):
Das 60 Jahre alte Antibiotikum war lange Zeit in der Humanmedizin ausgemustert, weil es für Menschen erhebliche toxische Nebenwirkungen hat (u.a. Nierenschäden). Bei Tieren wirkt es dagegen oral gegeben sehr gut bei Darminfektionen. Auch die Resistenzlage ist, so melden es die europäischen Arzneimttelbehörden, niedrig.
Doch seit wenigen Jahren gilt Colistin in der Humanmedizin als Notfallmedikament bei speziellen multiresistenten Keimen. Deshalb wurde der Wirkstoff zuerst 2016 von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) als „kritisch“ und jetzt 2017 von der WHO in die höchste Kategorie „Reserve“ eingestuft.
Auch Tierärzte setzen Colistin deshalb deutlich restriktiver ein (-45%). Allerdings ist die Reduzierung in Deutschland noch nicht so erfolgreich, wie in den Nachbarländern Dänemark oder Holland.

Mehr lesen: Warum gilt Colistin jetzt als Reserveantibiotikum?

Stillstand bei den „kritischen Antibiotika“?

Das BVL weist in seiner Mitteilung zu den aktuellen Antibiotikadaten aus der Tiermedizin darauf hin, dass „die Abgabemenge der Antibiotika mit besonderer Bedeutung für die Therapie beim Menschen leicht über dem Niveau von 2011 liegen“ und zielt dabei vor allem auf die Fluorchinolone.
Zu diesen als Critically Important Antimicrobials/CIA bezeichneten Wirkstoffen – die die WHO in die zweithöchste Kategorie, die „Watch“-Klasse einordnet – gehören laut WHO neben den Fluorchinolonen außerdem die Cephalosporine der 3. Generation sowie die Makrolide.

  • Bei den Fluorchinolonen, gibt es 2016 mit 9,3 t gegenüber dem Ausgangsjahr (2011 / 8,2 t) bei Tieren noch einen um 1,1 t höheren Einsatz:  – aber dieser Wert ist seit dem Höchststand 2014 (12,3 t) bereits deutlich gesunken (minus 3 t).
  • Bei den Cephalosporinen der 3. Generation ist die Menge seit 2013 mit 2,3 t konstant, liegt aber noch über den 2,1 t aus dem Ausgangsjahr 2011.
  • Bei den Makroliden liegt die Menge 2016 bei 55 t. Das ist ein Rückgang von 118 t gegenüber 2011 (173 t), aber ein leichter Anstieg von 3 t gegenüber 2015 (52 t).

Wo werden wie viele „kritische Antibiotika“ eingesetzt?

Die jetzt vom BVL vorgelegten Zahlen umfassen aber die Menge der Antibiotika für alle Tierarten – vom Hamster bis zur Milchkuh. Das BVL weist ausdrücklich darauf hin, dass die ihm gemeldeten Wirkstoffmengen sich nicht einzelnen Tierarten zuordnen lassen.
Die politische Debatte fokussiert aber vor allem auf die Nutztierhaltung. Insbesondere Umweltschutzorganisation wie der BUND oder Germanwatch setzen die BVL-Mengenangaben oftmals 1:1 gleich mit einem Einsatz in der „industriellen Massentierhaltung“. In der Kritik stehen dabei besonders die Schweine- und Geflügelmast.

Etwas mehr Übersicht schafft das privatwirtschaftliche QS-Antibiotikamonitoring. Es erfasst seit 2012 den Antibiotikaeinsatz für die Schweine- und Geflügelmast zu rund 90 Prozent und legt für die Zeit seit 2014 auch eine Mengenbilanz vor.
Im QS-System zeigt sich für Schweine und Geflügel von 2015 auf 2016 ein noch deutlicherer Mengenrückgang als in der Gesamtbilanz des BVL – auch bei den „kritischen“ Wirkstoffen (Tabelle: Angabe in Tonnen):

Für die politische Debatte wichtig: Der Rückgang bei den „Reserveantibiotika“ und den „kritischen“ Antibiotikaklassen in der Schweine- und Geflügelhaltung. (Tabelle: © QS / Hervorhebungen WiSiTiA)

Konkret bedeutet dies: Von den Wirkstoffen …

  • … Colistin wurden 2016 etwa 41 der insgesamt vom BVL genannten 69 Tonnen in den von QS überwachten Schweine- und Geflügelmastbetrieben eingesetzt;
  • … bei den Fluorchinolonen sind es 4,83 der insgesamt 9,3 Tonnen;
  • … bei den  Chephalosporinen der 3./4. Generation sind es 410 kg von 3,4 Tonnen.

Diese erheblichen „Unterschiede“ zwischen den Gesamtzahlen des BVL und den Segmentzahlen Schwein/Geflügel von QS werden in der politischen Debatte, den Medien und vor allem von NGOs zu oft nicht gesehen. Sie zeigen aber, dass – außerhalb der kritisierten Tiermast – auch Milchkühe, Pferde und Haustiere mit diesen Wirkstoffen behandelt werden – und zwar in nennenswertem Umfang.
Beim Colistin fehlt die Erfassung des Einsatzes bei den Legehennen**. Es ist eines der wenigen zugelassenen Antibiotika für Legehennen und hat eine Wartezeit von Null Tagen auf das Ei. Gerade die Boden- und Freilandhaltung kämpft viel mit E.Coli-Infektionen. In der normalen Dosierung wird Colistin nicht resorbiert und wirkt nur im Darm. Kritiker monieren, dass mit einer Höherdosierung auch versucht werde, eine systematische Wirkung zu erzielen.

 

Viel weniger rot: Die eingefärbten Karten visualisieren den deutlichen Rückgang des Antibiotikaeinsatzes in der Tiermedizin (links: 2012 / rechts: 2016 – Unterteilung nach Postlitzahlgebieten © Karten BVL / Montage WiSiTiA)

Konsequenzen aus den Daten

Die vorliegenden Zahlen machen deshalb fünf Punkte deutlich:

  1. Die Tierärzte haben den Antibiotikaeinsatz insgesamt, insbesondere aber zusammen mit den Schweine- und Geflügelhaltern in den kritisierten Mast-Bereichen der Nutztierhaltung deutlich reduziert. Und sie reduzieren weiter. Erste QS-Auswertungen für 2017 zeigen weitere Rückgänge – auch für die „kritischen“ und die Reserveantibiotika.
  2. Die BVL-Gesamtbilanz der Antibiotikamengen über alle Tierarten bildet diese Entwicklung bei den „kritischen Wirkstoffen“ in der Nutztierhaltung nicht eindeutig ab.
  3. Es ist deshalb notwendig, für weitere Tierarten und Haltungsformen verlässliche Daten zu erheben. Dies gilt besonders für Tiere mit großer Biomasse wie Rinder/Milchkühe und Pferde.
  4. Eine Fokussierung auf die weitere Reduzierung der absoluten „Antibiotikamemenge“ ist ab einer gewissen Größenordnung nicht mehr zielführend. Kranke Tiere müssen behandelt werden können.
    Stattdessen sollten Monitoringsysteme auf- und ausgebaut werden, die die Resistenzsituation erfassen und so den gezielten Antibiotikaeinsatz verbessern – bei Nutztieren ebenso wie bei Haus- und Hobbytieren.
  5. Es ist unredlich, angesichts der vorliegenden Mengen- und auch Resistenzdaten der Tiermedizin allein die Verantwortung für Resistenzen in der Humanmedizin zuzuschreiben – wie es NGOs suggerieren. Im Sinne eines „One-Health“ Ansatzes müssen beide Fachgebiete auf ihren Feldern für eine Minimierung antimikrobieller Resistenzen sorgen
    Die Tiermedizin hat erhebliche Mengenreduzierungen erreicht. Eine vergleichbar deutliche Trendwende ist in der Humanmedizin noch nicht erkennbar, obwohl auch dort in einzelnen Segmenten noch bis zu 30 Prozent der Antibiotikaverordnungen als überflüssig gelten.

Quellen:
Pressemeldung des BVL (13.9.2017)
BVL-Tabelle „Antibiotikamengen Tiermedizin 2011 bis 2016“ (PDF-Download)
QS-Antibiotikadaten 2016 (aktualisierte Meldung / PDF-Downlod mit Tabelle – 14.9.2017)

QS-Antibiotikadaten 2016 (Januar 2017)

Presseerklärung des Bundeslandwirtschaftsministeriums zu den Antibiotikamengendaten 2016 (13.9,2017)
Pressemeldung Germanwatch „Arzneimittelmissbrauch im Stall“ (13.9,2017)
Pressemeldung BUND „Verbot von Reserveantibiotika“ (13.9.2017) – die Meldung basiert auf einer FORSA-Umfrage (PDF-Download)

14.9.2017 – *Artikel aktualisiert, Prozentzahlen präzisiert
19.9.2017 – **Angaben Colistin/Legehennenhaltung 
ergänzt

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Über den Autor

Jörg Held

Jörg Held (jh) ist Journalist, Kommunikationswirt und Redaktionsberater mit 30 Jahren Berufserfahrung. Seit 2007 auch im Bereich Tiermedizin unterwegs, davon 5 Jahre als Redaktionsleiter der VETimpulse. Auch bei wir-sind-tierarzt.de leitet er die Redaktion und ist schwerpunktmäßig für berufspolitische Themen und die Nachrichten verantwortlich. Kontakt: joerg.held(at)wir-sind-tierarzt.de
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