Antibiotika-Therapiehäufigkeit: Leichter Anstieg bei Masthühnern

Zu schnell zu viel reduziert? Bei Masthähnchen ist die Antibiotika-Therapiehäufigkeit zum zweiten Mal leicht angestiegen. (Foto: © Fabry/massentierhaltung-aufgedeckt.de)

Insgesamt sinken die Kennzahlen zur Antibiotitka-Therapiehäufigkeit bei Masttieren im zweiten Halbjahr 2016 noch einmal etwas. Bei Masthühnern gab es allerdings zum zweiten Mal in Folge einen leichten Anstieg. Nicht nur bei Mastschweinen scheint der Boden erreicht. Wir haben die Daten seit 2014 grafisch aufbereitet und eingeordnet.

von Jörg Held

Seit 2014 errechnet das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) aus den Eingaben in die staatliche Antibiotikadatenbank halbjährlich die bundesweiten Kennzahlen zur Therapiehäufigkeit bei Masttieren. Vergleicht man die Daten (siehe Grafiken unten) der bisher fünf Erfassungszeiträume, so lassen sich einige Erkenntnisse ableiten.
In den ersten drei Halbjahren gab es bei allen erfassten Masttierarten und allen Kennzahlen einen sehr deutlichen Rückgang. Inzwischen haben sich die Kennzahlen einander angenähert, die Kurven flachen immer mehr ab und verlaufen inzwischen fast parallel. Das bedeutet:

  • Tierhaltungen, die vorher relativ viel verbraucht haben (über Kennzahl 2 / im 3. Quartil liegen = 25 Prozent der Betriebe) haben ihren Antibiotikaeinsatz sehr schnell sehr deutlich reduziert. Das Ziel, Vielverbraucher zu identifizieren und dort Veränderungen herbeizuführen, wurde also erreicht.
  • Die Kennzahl 1 (unter ihr liegen 50 Prozent der Betriebe) ist zwar ebenfalls gesunken, aber lange nicht so deutlich. Hier zeigt sich inzwischen eine klare Bodenbildung. Das Reduzierungspotential in der Mehrzahl der Tierhaltungen scheint also ausgeschöpft.
  • Bei Masthühnern stiegen beide Kennzahlen sogar zuletzt über zwei Erfassungszeiträume wieder leicht an. Wurde hier anfangs zu viel reduziert, so dass die Tiergesundheit darunter gelitten hat? Der Grund muss ermittelt werden.

Diese „Bodenbildung“ haben auch Länder zu verzeichnen, die früher Antibiotikaminimierungskonzepte eingeführt haben. Dänemark gilt als Antibiotika-Musterland für die Nutztierhaltung und hat sehr früh (seit 2006) reduziert: Aber seit 2010 pendelt auch dort die eingesetzte Menge zwischen 120 und 100 Tonnen im Jahr. 2014 (aktuellste Daten) waren es rd. 110 Tonnen. Auch in den Niederlanden gab es von 2014 auf 2015 bereits wieder einen leichten Anstieg des Antibiotikaeinsatzes um 0,65 Prozent.

Übersicht aller Artikel zum Thema „Antibiotikamonitoring“ hier 

Therapiehäufigkeit bei Masthühnern erneut leicht angestiegen

Kontinuierliche Reduzierung bei Mastputen

Mastferkel: Bodenbildung bei Kennzahl 1

Mastschweine: Tiefpunkt der Kennzahl 1 bereits wieder überschritten?

Landwirtschaftsminister zieht positive Bilanz

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt bewertet die Entwicklung positiv: Wir haben ein erfolgreiches Konzept geschaffen, um den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung konsequent zu erfassen und zu senken.“ Die Bodenbildung und den ersten leichten Anstieg mancher Werte ordnet der Minister so ein: „Gleichzeitig gebietet es aber der Tierschutz, dass wir kranke Tiere mit den Wirkstoffen behandeln, wenn das notwendig ist. In Bereichen, in denen der Einsatz von Antibiotika bereits erfolgreich deutlich reduziert wurde, müssen wir alle Anstrengungen bündeln, um diese Werte beizubehalten.“ Man werde weiter intensiv daran arbeiten, den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung zu verringern.

Wie liest man die Therapiehäufigkeitskennzahlen?

Nutztierhalter melden ab einer bestimmten Bestandsgröße halbjährlich die Bezeichnung der angewendeten Antibiotika, die Anzahl und Art der gehaltenen und behandelten Masttiere, die Anzahl der Behandlungstage sowie die insgesamt angewendete Menge von Antibiotika an die Überwachungsbehörde. Daraus werden über eine Formel (Beispiel hier) die Kennzahlen für die einzelnen Masttierarten errechnet.

  • Die Kennzahl 1 (Median) gibt die Grenze an, unter der 50 Prozent aller Therapiehäufigkeiten liegen.
  • Die Kennzahl 2 (3. Quartil) ist die Grenze über der die 25 Prozent der Betriebe liegen, die relativ am meisten verbraucht haben. Diese müssen Maßnahmen zur Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes ergreifen (siehe unten).

Die Kennzahlen sind rein mathematische Werte. Über diesen Wert können die Tierhalter ihren Antibiotikaeinatz im Vergleich zu anderen Betrieben gleicher Nutzungsart einordnen (Benchmarking). Aus den Zahlen lassen sich aber keine Aussagen über die durchschnittliche Anzahl der Behandlungstage pro Tier und Halbjahr ableiten. Auch erlauben sie keinen Vergleich der Anwendungshäufigkeit zwischen den einzelnen Tier- und Nutzungsarten.
Die Antibiotikamengen werden über eine andere Datenerhebung erfasst. Auch hier gibt es deutliche Reduzierungen: So ist die Menge der in der Tiermedizin eingesetzten Antibiotika um über 50 Prozent oder 905 Tonnen gesunken – von 1.706 Tonnen  im Jahr 2011 auf 805 Tonnen im Jahr 2015 (mehr dazu hier).

Was müssen die Tierhalter tun?

Jedem Masttierhalter wurde bereits vorab seine betriebsindividuelle Therapiehäufigkeit mitgeteilt. Diese muss er nun mit den bundesweiten Kennzahlen vergleichen.

  • Liegt seine Kennzahl über der Kennzahl 2 muss er mit seinem Tierarzt einen schriftlichen Maßnahmenplan zur Senkung des Antibiotikaeinsatzes erarbeiten und diesen der zuständigen Überwachungsbehörde vorlegen.
  • Liegt seine Kennzahl über der Kennzahl 1 aber noch unter der Kennzahl 2, muss der Tierhalter zusammen mit seinem Tierarzt die Ursachen dafür ermitteln und gegebenfalls Maßnahmen ergreifen, die zur Reduzierung der Antibiotikaverwendung führen.

wir-sind-tierarzt.de meint: Tiergesundheit im Auge behalten

(jh) – Die privatwirtschaftlichen QS-Antibiotikadatenbank und das staatlichen Monitoring haben über die letzten Jahre ein kontinuierlichen Verbesserungsprozess in Gang gesetzt. Die Nutztierhalter setzen deutlich weniger Antibiotika ein, die Kennzahlen sind gesunken. Das ist ein Erfolg.
Das Potential für weitere deutliche Reduzierungen scheint aber ausgereizt. Die Zahlen dürften in den nächsten Jahren nur noch vergleichsweise langsam sinken. Der Aufwand dafür und die notwendigen Investitionen in veränderte und damit bessere Haltungsbedingungen werden größer.
Tierärzte fordern, dass der Staat parallel auch die Tiergesundheit im Auge behält (Stichwort: Tiergesundheitsdatenbank). Eine Antibiotikareduzierung um jeden Preis wird den Tieren schaden.

Quellen:
BVL: Meldung der Kennzahlen zur Antibiotika-Therapiehäufigkeit 2. Halbjahr 2016
BMEL: Pressemeldung zu den Kennzahlen zur Antibiotika-Therapiehäufigkeit
BMEL: Übersichtsseite zur Entwicklung der Kennzahlen zur Antibiotika-Therapiehäufigkeit

Teilen
Über den Autor

Jörg Held

Jörg Held (jh) ist Journalist, Kommunikationswirt und Redaktionsberater mit 30 Jahren Berufserfahrung. Seit 2007 auch im Bereich Tiermedizin unterwegs, davon 5 Jahre als Redaktionsleiter der VETimpulse. Auch bei wir-sind-tierarzt.de leitet er die Redaktion und ist schwerpunktmäßig für berufspolitische Themen und die Nachrichten verantwortlich. Kontakt: joerg.held(at)wir-sind-tierarzt.de
Web Design MymensinghPremium WordPress ThemesWeb Development

Wildtiere: Hilfe kann auch Leid bedeuten

9. März 20169. März 2016
Ein Faltblatt gibt Tipps zum Umgang mit Wildtieren. (©Landestierschutzbeauftragte Hessen / Erni/Fotolia.com)„Wildtiere brauchen in den aller seltensten Fällen menschliche Hilfe," sagt die Landestierschutzbeauftragte Hessen. Was tun kann, wer ein Wildtier findet – oder aber auch besser lassen sollte – erklärt ein Flyer, den Dr. Madeleine Martin zusammen mit der Landestierärztekammer Hessen herausgegeben hat. (mehr …)