„Massentierhaltung“ – was ist das?

Die „Massentierhaltung“ prägt aktuell wieder viele Medienberichte. Obwohl oder gerade weil er nicht klar definiert ist, ist die „Massentierhaltung“ das Synonym für schlechte Tierhaltung und wird in der Regel als politischer „Kampfbegriff“ gebraucht. Eine Annäherung an ein Wortungetüm, das Potential hat, die Gesellschaft zu spalten.

Eine Eindordnung von Annegret Wagner

Was ist eigentlich eine „Masse Tiere“? Geprägt wurde das Wort „Massentierhaltung angeblich in den 70er Jahren von Prof. Bernhard Grzimek im Zusammenhang mit der Käfighaltung von Hühnern. Rechtlich tauchte es 1975 in der ‚Massentierhaltungs-Verordnung Schwein’ auf, die für Betriebe ab 1.250 Tiere besondere hygienische Anforderungen regelte – war also ein Tierseuchenbegriff. Inzwischen verwenden Gesetzestexte/Verordnungen das Wort nicht mehr.
Eine offizielle Definition kenne ich nicht.
Die Kritiker einer „Massentierhaltung“ erklären den Begriff vor allem mit „typische Eigenschaften“, die eine solche Tierhaltung aufweist und die auch ein SPD-Gutachten aus 2013 zusammenfasst (siehe Foto).

"Typisierung" der "Massentierhaltung" nach Hörning (2013). (Foto: ©bigdutchman/Montage WiSiTiA/jh)

„Typisierung“ der „Massentierhaltung“ nach Hörning (2013). (Foto: ©bigdutchman/Montage WiSiTiA/jh)

Diese „Typisierung“ wiederum wird von Tierhaltern und auch Tierärzten heftig kritisiert, weil ihr eine „wissenschaftliche Begründung“ fehle: Ein Begriff sei nur dann zielführend, wenn er definiert und parametrisiert sei und somit geprüft und beurteilt werden könne, heißt es etwa auf der Seite agrarfakten.de. Für die „Massentierhaltung“ treffe genau das nicht zu. Der Begriff werde in der öffentlichen Debatte benutzt, um ein diffuses emotionales Unbehagen zu beschreiben.

Bürger gegen „Massentierhalter“

Genau dieses „diffuse Empfinden“ ist das Hauptproblem in der Debatte über die „Massentierhaltung“.  So sah sich ein verdutzter Biolandwirt in einer oberbayrischen Gemeinde im Freizeitspeckgürtel Münchens vor einem halben Jahr plötzlich einer Bürgerinitiative gegenüber. Er hatte einen Stall mit Auslauf für 250 Legehennen geplant. Die Initiative warf ihm „Massentierhaltung“ und „Geldgier“ vor.
Für einen (Stadt)Menschen, der selbst keine Hühner hält, sind bereits diese 250 Tiere eine „Masse“. Der Stall würde außerdem die Landschaft verschandeln (Bilder siehe unten). Den Vorwurf erhoben pikanterweise Menschen, die im Ort ohne mit der Wimper zu zucken horrende Summen für (Wochenend)Wohnhäuser bezahlen, die deutlich größer sind als jener Hühnerstall.

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Ein weiteres Beispiel zum Thema subjektive „Masse“ habe ich selbst erlebt: Ein anderer Landwirt mit ebenfalls etwa 30 Milchkühen erzählte mir ganz entsetzt: „Stellen Sie sich vor, in Norddeutschland bauen sie riesige Ställe, in die 200 Schweine passen.“ Ich musste lachen, denn diese 200 Schweine passen locker in seinen Milchkuhstall. „Riesig“ ist anders. Aber selbst für einen Landwirt, der kein einziges Schwein besitzt, sind offenbar 200 Schweine ebenfalls bereits eine „Masse“.

Der Begriff „Massentierhaltung“ wird also von der Lokal- bis zur Bundes- und Weltpolitik von verschiedensten Gruppen sehr subjektiv zur „Abgrenzung“ verwendet. Welche Dimension die Tierhaltung etwa in anderen Regionen der Welt angenommen hat, zeigen die Zahlen der 2014/2015 in den USA von Vogelgrippe betroffenen Tierbestände: Dort finden sich viele Geflügelbetriebe, die über eine Million Tiere halten.
Für 90 Prozent der Deutschen beginnt eine „Massentierhaltung“ laut einer Umfrage der Universität Göttingen (2011) bei 5.000 Stück Geflügel, 1.000 Schweinen oder 500 Rindern. Der deutsche Durchschnittsbetrieb hält 14.900 Masthühnchen oder 59 Milchkühe.

Ab wann beginnt für die meisten Menschen Massentierhaltung. (Grafik: © Spiller/Kayser Universität Göttingen 2011) – Tierzahlen Rind (500), Schwein (3.000) , Geflügel (5.000)

Ab wann beginnt für die meisten Menschen Massentierhaltung. (Grafik: © Spiller/Kayser Universität Göttingen 2011)

Intensivtierhaltung – die objektive FAO-Definition?

Die Welternährungsorganisation hat deshalb versucht eine Objektivierung des Begriffs „Masse“ beziehungsweise einer „Intensivhaltung“ vorzunehmen. Sie definiert eine intensive Tierhaltung als System, in dem weniger als zehn Prozent der Futtertrockenmasse vom eigenen Betrieb stammen und in denen die Besatzdichte zehn Großvieheinheiten pro Hektar betrieblicher landwirtschaftlicher Nutzfläche (GV/ha) übersteigt. Eine Kuh gilt dabei als Großvieheinheit, andere Tierarten werden umgerechnet (Zahlen hier – einen Großvieheinheiten/Flächenrechner gibt es hier).
Hier geht es also nicht um die absolute Tierzahl, sondern deren Verhältnis zur Fläche – entsprechend lässt sich auch über die Sinnhaftigkeit der FAO-Definition streiten. So verfügen zum Beispiel in Oberbayern  die meisten Betriebe über sehr wenig Eigenland. Entlang des Alpenrands gelten Höfe mit mehr als 15 Hektar Eigenfläche (ohne Wald und Almen) bereits als groß (der bundesdeutsche Durchschnittsbetrieb hatte 2013 eine Größe von 58,6 ha). Viele dieser bayerischen Betriebe halten aber deutlich über 100 Kühe, wären gemäß FAO-Definition also bereits „Intensiv-Tierhalter“. Um unter die 2 GV pro Hektar zu kommen und damit Fördergelder zu erhalten, pachten sie entsprechende Flächen zu. Damit stimmt dann zwar das Tier-Flächenverhältnis wieder – doch die Kühe stehen unverändert immer noch im gleichen Stall, die Tierhaltungsbedingungen ändern sich nicht.

Gegenüberstellung tatsächliche Bestandsgrößen und "Massentierhaltungbeginn". (Tabelle: © Spiller/Kayser Universität Göttingen 2011)

Gegenüberstellung tatsächliche Bestandsgrößen und „Massentierhaltungbeginn“. (Tabelle: © Spiller/Kayser Universität Göttingen 2011)

Fördermittelgrenzen bestimmen die Stallgröße

Entscheidend für deutsche Stallgrößen waren und sind momentan vor allem mögliche Fördergelder und rechtliche Auflagen (etwa Stallfläche Fläche pro Tier oder Baurecht). Die berühmten „40.000 Hühner pro Stall“, die die Grünen oft zitieren, ergeben sich schlicht aus einer EU-Emissionsschutz-Richtlinie. Zur Zeit gelten als emmissionsrechtliche Obergrenzen in Deutschland analog zum geltenden EU-Recht für Anlagen zur Tieraufzucht und Haltung: 40.000 Plätze bei Geflügel (unabhängig von der Art), 2.000 Mastplätze bei Mastschweinen und 750 Zuchtplätze bei Sauen. Wollen Landwirte größere Ställe errichten, ist eine aufwändige Genehmigung gemäß §10 des Bundesimmissionsschutzgesetz unter Einbeziehung der Öffentlichkeit notwendig.

Tierzahlen im Baugesetz

Etwas niedrigere Schwellenwerte als die EU-Zahlen setzt inzwischen das 2013 novellierte Baugesetzbuch an: 30.000 Masthühner, 15.000 Legehennen bzw. Mastputen, 1.500 Mastschweine, 560 Sauen, 600 Rinder, 500 Kälber. Würde eine Neubau diese Zahlen überschreiten, ginge das Privileg der Landwirte verloren, das ihnen das Bauen im Außenbereich erlaubt. Die gleichen Zahlen gelten für eine Vorprüfung im Rahmen der Umweltverträglichkeitsprüfung. Oberhalb der genannten Zahlen sind also aufwändigere Antragsverfahren erforderlich.
Solche gesetzlichen „Tierzahlen“ basieren aber nicht auf einer Bewertung der Haltungsbedingungen der Tiere in den Ställen, sondern sollen „Außenwirkungen“ der Ställe regeln.

Die gesetzlichen Vorgaben sind vielfach zugleich die Höchstwerte, bis zu denen noch eine Förderung nach dem Agrarinvestitionsförderungsprogramm zulässig ist. Welche Förderung wofür bewilligt wird, bestimmt zentral die Investitionen in der Landwirtschaft. Allerdings „messen“ hier nicht alle Bundesländer mit dem gleichen Maßstab. Nordrhein-Westfalen etwa orientiert sich strikt an Baugesetzbuch-Zahlen. In Sachsen dagegen werden auch Betriebe mit 260.000 Masthähnchen, 8.000 Mastschweinen, 1.700 Sauen und 700 Rindern gefördert.

Tierhaltungsverordnungen (für Schweine) oder auch Branchenvereinbarungen (Pute) wiederum regeln zwar die Besatzdichte pro Fläche oder die Ausgestaltung der Ställe, ohne aber eine Gesamtzahl der Tiere pro Stall/Betrieb vorzugeben. Das vorgeschriebene Platzangebot gilt als Untergrenze.

Zahlen als Krücke für Emotionen

Letztlich sind die absoluten Tierzahlen selbst für die politische Debatte (fast) egal: Ob 1.000, 5.000, 20.000 oder 40.000 – für eine große Mehrheit der Menschen ohne Branchenbezug, sind solche Tierzahlen zunächst schlicht nicht einzuordnen: Sie ziehen die Grenzen emotional und nicht rational im Zusammenhang mit der verbalen Begleitmusik. Das „Unfassbare“ verstärkt sich über Bilder, die vor allem durch ihre Eintönigkeit und die Technisierung vermitteln, dass hier „Agrarfabriken produzieren“.

Feedlot – Rinderhaltung unter freiem Himmel in den USA.

Feedlot – Rinderhaltung unter freiem Himmel in den USA. (Foto: ©H2O/GNU Free Documentation License)

Auch mir fallen als Tierärztin Puten oder Hähnchen ein, die in großen Hallen sitzen und sich zum Mastende kaum noch umdrehen können. Das abstoßende an dieser Haltung ist womöglich nicht einmal so sehr das Platzangebot oder die Tierzahl selbst, sondern die offensichtliche Eintönigkeit, in der die Tiere leben müssen. Ein ähnliches Gefühl entsteht auch „draußen“ – etwa beim Anblick von Feedlots in den USA: Stehen große Rinderherden auf schattenlosen Staubfeldern, wirkt das wesentlich herzloser als die gleiche Anzahl von Tieren auf einer grünen Wiese.
Den Anblick mancher „Massentierhaltungen“ in der Natur akzeptieren wir Menschen sogar – man denke an Pinguin-, Walross- oder Seevögelkolonien.

Wo endet „faire Tierhaltung“?

Ene „faire Tierhaltung“ muss also nicht unbedingt die Verkleinerung der einzelnen Betriebe bedeuten. Es muss aber auch für Unbeteiligte erkennbar sein, dass Tiere nicht als reine Produktionseinheiten verstanden werden, sondern als leidensfähige Mitgeschöpfe, die aus Respekt in einer angemessenen Umgebung gehalten werden. Das kann durchaus mit einfachen, preisgünstigen Methoden geschehen: Ställe, in denen Puten Strohrundballen zur Beschäftigung haben und die Tiere sich auf mehrere Ebenen verteilen können, wirken längst nicht so bedrohlich wie gänzlich kahle Stallungen.

Letztlich ist aber nicht die Tierzahl im Bestand entscheidend für das Wohlbefinden, sondern die Gruppengröße, in der die Tiere unmittelbar leben, die Gestaltung der direkten Tierumwelt und die Qualität und Intensität der Tierbetreuung. Es wäre viel gewonnen, wenn Politik deutlich machen könnte, dass man um die qualitative Bestimmung dieser Parameter ringt, statt pauschal abzuwerten oder auszugrenzen.

Quellen/weiterführend Links
Massentierhaltung – was denkt die Bevölkerung (Umfrage Universität Göttingen 2011 – PDF-Download)

Massentierhaltung? Streitgespräch zwischen Peter Wesjohan (Wiesenhof) und Thomas Schröder (Deutscher Tierschutzbund) – FAZ 12/2014
Massentierhaltung – Begriffserklärung aus Sicht der Grünen (Mecklenburg-Vorpommern)
Massentierhaltung – Begriffskritik aus Sicht der Landwirtschaft (i.ma.-Agrarlexikon)
Faktenbasierte Auseinandersetzung mit Aspekten der Massentierhaltung (agrafakten.de – PDF-Download).
Massentierhaltung in Thüringen – (Kurzfassung Untersuchung Prof Hörning/SPD 2013 – PDF-Download)

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Über den Autor

Annegret Wagner

Dr. Annegret Wagner (aw) hat in Gießen Tiermedizin studiert und arbeitet seit 1991 in der Großtierpraxis; seit 2005 niedergelassen in eigener Praxis mit Schwerpunkt Milchrind im Raum Rosenheim. Seit 2006 arbeitet sie auch als tiermedizinische Fachjournalistin. So hat sie für die VETimpulse die Nutztierthemen betreut und übernimmt diese Aufgabe auch bei wir-sind-tierarzt.de. Um nicht zum Mia-san-mia-Bayer zu mutieren, schaut sie intensiv über den Alpenrand hinaus, vorzugsweise ins englischsprachige Ausland. Kontakt: annegret.wagner(at)wir-sind-tierarzt.de
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