Der wir-sind-tierarzt Jahresrück- und ausblick

Perlen muss man pflegen (Foto: © WiSiTiA/Henrik Hofmann)

Ausgebeutete Assistenten, Reserveantibiotika und der Tierarzt als Anwalt der Tiere – was waren die Top-Themen in 2015 und was wird den Berufsstand 2016 beschäftigen? Wo muss er Lösungen finden? Wo sich stärker (politisch) profilieren? Wo der einzelne Tierarzt Verantwortung übernehmen? Gradmesser für unsere Einschätzungen ist dabei das – online sehr detailliert messbare – Interesse unserer Leser, aber auch die (berufspolitische) Bewertung durch die Redaktion.

von Jörg Held

Januar 2015 – Mindestlohn für Tierärzte: Ein Armutszeugnis

Jeder dritte Praxisassistent bekommt weniger als 8,50 Euro – die schlechte Bezahlung und die problematischen Arbeitsbedingungen angestellter Tierärzte, war das Top-Thema zu Jahresbeginn. Im Januar fand der Artikel 6.500 Leser, über das Jahr wurde er dann über 10.000 mal abgerufen. Und auch im November war ein Artikel über den „Umgang“ mit dem Nachwuchs der meistgelesene Text.
Das Thema steht definitiv auch 2016 weiter auf der Agenda. Der Berufsstand muss hier Lösungen finden. Danach sucht am 26. Januar auch eine Podiumsdiskussion des bpt-Arbeitskreis Assistenten: „Unterbezahlung und Ausbeutung“ (Einladung hier).
Einen Überblick über unsere Berichterstattung zum Thema „Assistenten“ finden sie hier.

Februar 2015 – Reserveantibiotika für Tiermedizin erhalten

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt zum Eckpunkte-Papier "weitere Regelungen
für den Einsatz von Antibiotika bei Tieren". (Foto: ©BMEL/Köhler - Montage: WiSiTiA/jh)

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt zum Eckpunkte-Papier „weitere Regelungen
für den Einsatz von Antibiotika bei Tieren“. (Foto: ©BMEL/Köhler – Montage: WiSiTiA/jh)

Die sogenannten „Reserveantibiotika“ und der Umgang mit ihnen waren eines der berufspolitisch beherrschenden Themen des Jahres 2015. Im Februar haben wir – basierend auf einen Arbeitspapier der Grünen(!) – den Reserveantibiotika-Einsatz von Tier- und Humanmedizin gegenübergestellt (15,8 vs 300 Tonnen) und kommentiert. 3.900 Leser interessierte das Thema in diesem Monat.
2016 wird die Bundesregierung des Einsatz von Reserveantibiotika in der Tiermedizin mit einer Änderung der tierärztlichen Hausapothekenverordnung reglementieren – ein entsprechendes Eckpunkte-Papier liegt vor.

Absoluter Lieblingsartikel unser Leser zum Valentinstag im Februar waren aber die „15 Warnungen zum Date mit einer Tierärztin“ (15.470 Leser).

März 2015 – verantwortungsvoller Medikamenteneinsatz

Der März hatte keinen absoluten Themenfavoriten: Die „Reserveantibiotika“ aus Februar (s.o.) lieferten sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Lesergunst mit dem Strafbefehl von 6.500.- Euro für einen Tierarzt, der Euterinjektionen ohne Betriebsbesuch an einen Landwirt abgegeben hatte.
Der verantwortungsvolle Umgang mit Medikamenten ist aber ein Thema, an dem die Tierärzteschaft auch 2016 gemessen werden wird (Stichwort: Dispensierrecht).

Auf Jahressicht gesehen, war jedoch unsere März-Meldung über die Ausbreitung eines neuen RHD-2-Virus bei Kaninchen der erfolgreichste Beitrag (4.520 Aufrufe). Ein Servicethema auch für Tierhalter.

April 2015 – Wer hat Angst vor Kennzahl 2

Die Tabelle stellt die bundesweiten Therapiehäufigkeiten des 2. Halbjahres 2014 und des 1. Halbjahres 2015 gegenüber. (Quelle: BVL)

Die Tabelle stellt die bundesweiten Therapiehäufigkeiten des 2. Halbjahres 2014 und des 1. Halbjahres 2015 gegenüber. (Quelle: BVL)

Eine ruhige Nachrichtenlage – gemessen am Leserinteresse – verzeichnete der April: Der „Vormarsch der Hepatitis E-Erkrankung“ bei Jägern fand die meisten Leser.

Berufspolitisch aber war die erste Daten-Auswertung des Antibiotikaeinsatzes auf Basis des neuen, gesetzlich vorgeschriebenen Monitorings die wichtigste Nachricht – vor allem die Kritik an der Datenqualität. „Desaster bei der Antibiotikadatenbank“ titelte selbst tagesschau.de. (Alle Berichte über das Antibiotikamonitoring find Sie hier)

Die Debatte über „Nichtmelder“ und die (politische) Aussagekraft der „Kennzahl 2“ – die die sogenannten „Vielverbraucher“ erfasst – dürfte auch 2016 die Nutztierärzte beschäftigen. Die Furcht der Tierhalter, dort eingestuft zu werden, führt (zum Teil) auch zum Verzicht auf notwendige antibiotische Behandlungen: ein tierschutzrelevantes Thema.
Tierärzte und Politik sind gefordert, deutlich zu machen, was die Kennzahlen sind: Keine „strafbewehrten Zeugnisnoten“ für gute oder schlechte Tierhalter/Tierärzte, sondern eine Vergleichsindikator und Denkanstoß – wo stehe ich, warum stehe ich dort und was kann/muss ich gegebenenfalls tun, um meinen Antibiotikaeinsatz zu verändern?

Mai 2015 – Tollwut durch Reiseverkehr

Ein klaren „Interessen-Sieger“ hatte der Mai: Die Tollwut-Ausbreitung per (Urlaubs)Reise und der fehlende Impfschutz –  der Fall aus Frankreich – lockte im Monat über 8.000 Leser auf unsere Seite und wurde im Jahr 2015 insgesamt 10.300 mal abgerufen.

Was dieser Artikel für 2016 bedeutet? Krankheiten halten sich nicht an Grenzen. So darf Deutschland sich nicht auf erfolgreichen (Impf)Aktionen ausruhen. Tierärzte müssen auch bei vermeintlich exotischen Krankheiten wachsam sein. Im Nutztierbereich wird die Blauzungenkrankheit wohl erneut eingeschleppt. Die Gefahr bleibt auch für die Afrikanische Schweinepest bestehen. 

Juni 2015 – Kapitalinvestoren kaufen Tierkliniken

Hund und Katze – Das Logo der auf Kleintierzentren spezialsierten schwedischen Tierklinik-Kette "AniCura AB" (@Presse/AniCura)

Hund und Katze – Das Logo der auf Kleintierzentren spezialsierten schwedischen Tierklinik-Kette „AniCura AB“ (@Presse/AniCura)

Im Juni berichteten wir erstmals über die „Einkaufstour“ des schwedischen-Klinik-Kettenberteibers AniCura in Deutschland und Österreich. Der Einstieg von Kapitalinvestoren dürfte den deutschen Praxis-Markt verändern. In England und Skandinavien dominieren die Ketten bereist den Markt, in den USA ebenfalls dort sind die großen sogar an der Börse notiert.
Aktueller ist aber unser Update aus dem Dezember mit einem Ausblick auf 2016 – deshalb ist es hier verlinkt: Bis zu 20 Standorte könnten bald zu den Klinikketten gehören.

Juli 2015 – Tierheilpraktiker: Tierleid weil Fachwissen fehlt?

Welche Qualifikation muss haben, wer Tiere behandelt? Eine BTK-Pressemeldung über Tierheilpraktiker und andere Paraprofessionals erregte im Juli die Gemüter (3.100 Leser): Soll man diese „Berufe“ gesetzlich regulieren? Und wie können Tierärzte deutlich machen, dass Wochenend-Kurse eben kein Tiermedizinstudium ersetzen, das ist die Frage?
Die Antworten suchen Bundestierärztekammer und der Bundesverband praktizierender Tierärzte in einer vom bpt geleiteten Arbeitsgruppe. Ende 2016 könnten erste Ergebnisse vorliegen. 

August 2015 – Ramschpreise beim Fleisch und „Kuh-Doping“

Ramschpreiswerbung von Netto-Marken-Discount für rein deutsche Fleischprodukte (© ISN)

Ramschpreiswerbung von Netto-Marken-Discount für rein deutsche Fleischprodukte (© ISN)

Zwei Nutztierthemen bestimmten den August: Emotional der Artikel über „Ramschpreise beim Fleisch“.

Der Wert von Lebensmitteln – ob Milch, Fleisch oder auch Ackerbauprodukte – wird auch 2016 ein wichtiges Thema: Die Landwirtschaft in Deutschland und Europa leidet unter den Billigpreis-Folgen des weltweiten Handels. Einkommenseinbußen der Bauern von 30/40-Prozent im vergangenen Jahr werden auch die „Tierwohl/Tierschutz“-Debatte prägen. Die Politik steht vor dem Zielkonflikt, mehr notwendigen Tierschutz durchzusetzen, ohne die Nutztierhalter ökonomisch in die Knie zu zwingen und so den Strukturwandel zu beschleunigen.

Berufspolitisch war das „Kuhdoping mit Monensin“ ein Ärgernis. Medienerberichte in der Süddeutschen, NDR und WDR auf Basis einer Greenpeace-Aktion hatten das Thema „aufgekocht“. Unser Artikel zeigte, dass der „Blickwinkel“ sehr einseitig war und der „Doping“-Vorwurf viele fachliche Mängel aufwies.

September 2015 – Müssen Tierärzte mehr Tierschutz wagen?

Tierschutz und die Verantwortung der Tierärzte , das war für die Leser im September am wichtigsten – hier befeuerte ein Fall aus der Pferdepraxis die Debatte.

bpt-Präsident Dr. Siegfried Moder (Foto: © bpt)

bpt-Präsident Dr. Siegfried Moder (Foto: © bpt)

Er steht exemplarisch für eine Frage, die die Tierärzteschaft auch 2016 emotional diskutieren wird: Wie können Tierärzte – in Nutztier- und Kleintierpraxis – Anwalt der Tiere sein, wenn sie zugleich wirtschaftlich abhängig sind? Müssen Praktiker persönlich mehr Tierschutz wagen?

Oktober 2015 – Neue Präsidenten für bpt und BTK

Manchmal überrascht uns das Leserinteresse an Themen, wie wir eher als Chronistenpflicht verstehen: Meistgelesen (2.200 mal) war im Oktober ein Text über Jagdrecht, der eher formaljuristisch ist, aber eben den tierärztlichen Alltag betrifft: Tierärzte, die Fundtiere behandeln, verstoßen nicht gegen Jagdrecht.

Berufspolitisch prägten Wahlen den Oktober:
Mit Dr. Siegfried Moder wählte der Bundesverband praktizierender Tierärzte (bpt) einen neuen Präsidenten.

Kandidiert für das Amt des BTK-Präsidenten: Dr. Uwe Tiedemann (Niedersachsen) (Foto: ©Privat)

Seit Januar  Präsident der Bundestierärztekammer (BTK): Dr. Uwe Tiedemann (Foto: ©Privat)

Und auch die Bundestierärztekammer hat eine (im Oktober gewählte und seit 1. Januar im Amt befindliche) neue Führungsspitze mit Dr. Uwe Tiedemann als neuem Präsidenten.

November 2015 – „Pfui Teufel, liebe Kollegen“

Mit über 40.000 Seitenbesuchern war der November für wir-sind-tierarzt.de der bisher erfolgreichste Monat. Entsprechend gab es mehrere Themen, die die Leser (fast) gleichwertig interessierten:
Allen voran, ein anderer Aspekt des Januar-Themas, ein Kommentar zum Umgang mit dem tierärztlichen Nachwuchs: „Wie man den Tierarztnachwuchs demoralisiert“ – er  wurde über 6.000 mal abgerufen.
Auf Platz zwei ein Beitrag über ein Tierärzte-Dilemma: Die Euthanasie. Der WDR hatte einen Film gedreht an dem wir-sind-tierarzt.de-Mitgründer Henrik Hofmann beteiligt war. Auf unserer Seite hat er den Konflikt zwischen helfen wollen und töten müssen noch einmal genauer aufgearbeitet.
Platz drei der Lesergunst: Ein Zoonose-Thema – in „Bangen um Leib und Leber“ geht es um die Verbreitung des Fuchsbandwurmes in Städten.

Dezember 2015 – Schokoladenvergiftung beim Hund

Schokoladenvergiftung beim Hund

Schokoladenvergiftung beim Hund

Der Festtagsmonat zeigt einmal mehr, was das Internet von der Printwelt unterscheidet – nichts wird vergessen und die Leser suchen vor allem Hilfestellungen:
Der im Dezember 2015 meistgeklickte Artikel (stolze 16.400 mal) stammt aus dem Jahr 2014: Die tierärztlichen Hinweise zur Schokoladenvergiftung beim Hund sind unser bisher bestes „Long-Run-Thema“ (insgesamt 21.550 mal abgerufen).

Zuletzt: In eigener Sache

Mit 260.000 Besuchern – sogenannten Visits – in den letzten zwölf Monaten hat sich wir-sind-tierarzt.de als Nachrichtenportal der Tierärzteschaft und auch im google-Ranking etabliert. Dass es sich dabei nicht um „Mal-eben-Reinklicker“, sondern um echte Leser handelt, die sich für Inhalte interessieren, zeigt die Verweildauer: Aktuell liegt sie im Schnitt bei rd. zweieinhalb Minuten.

Ihnen, unseren Lesern, dafür ein herzliches „Dankeschön“

Beitragsbild: ©WiSiTiA/hh

Teilen
Über den Autor

Jörg Held

Jörg Held (jh) ist Journalist, Kommunikationswirt und Redaktionsberater mit 30 Jahren Berufserfahrung. Seit 2007 auch im Bereich Tiermedizin unterwegs, davon 5 Jahre als Redaktionsleiter der VETimpulse. Auch bei wir-sind-tierarzt.de leitet er die Redaktion und ist schwerpunktmäßig für berufspolitische Themen und die Nachrichten verantwortlich. Kontakt: joerg.held(at)wir-sind-tierarzt.de
Web Design MymensinghPremium WordPress ThemesWeb Development

Wildtiere: Hilfe kann auch Leid bedeuten

9. März 20169. März 2016
Ein Faltblatt gibt Tipps zum Umgang mit Wildtieren. (©Landestierschutzbeauftragte Hessen / Erni/Fotolia.com)„Wildtiere brauchen in den aller seltensten Fällen menschliche Hilfe," sagt die Landestierschutzbeauftragte Hessen. Was tun kann, wer ein Wildtier findet – oder aber auch besser lassen sollte – erklärt ein Flyer, den Dr. Madeleine Martin zusammen mit der Landestierärztekammer Hessen herausgegeben hat. (mehr …)